Industrie 4.0 Industrie-4.0-Allianz mit gut besuchter Auftaktveranstaltung

Autor / Redakteur: Robert Horn / Nico Litzel

Am 3. September startete der Innovationsdialog der noch jungen Zukunftsallianz Maschinenbau. Ihr Ziel: Einen Dialog zu schaffen zwischen allen Beteiligten der Branche, um Unternehmen jeder Größe im globalen Innovationswettbewerb zu unterstützen. Im Fokus der Auftaktveranstaltung im Miele-Forum standen Schlagworte wie Industrie 4.0 und Digitale Produktion.

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Über 200 Teilnehmer fanden sich zum ersten Innovationsdialog der Zukunftsallianz Maschinenbau im Miele Forum zusammen – ein deutliches Zeichen für das Interesse am Thema Industrie 4.0.
Über 200 Teilnehmer fanden sich zum ersten Innovationsdialog der Zukunftsallianz Maschinenbau im Miele Forum zusammen – ein deutliches Zeichen für das Interesse am Thema Industrie 4.0.
(Bild: Horn)

Es war ein Stelldichein der Maschinenbau-Branchengrößen – und eine Bestätigung der Veranstalter, dass das Thema ihrer Veranstaltung „Innovationsdialog“ den Nerv der Zeit trifft. Im Miele-Forum in Gütersloh traf sich am 3. September zum ersten Mal öffentlich die Zukunftsallianz Maschinenbau, um über die Zukunftssicherung des Maschinenbaus in Zeiten schnellen Wandels von Technologien und Märkten zu diskutieren. Vorträge gab es unter anderem von Miele-Chef Dr. Eduard Sailer, Gerald Pörschmann, dem Geschäftsführer der Zukunftsallianz und Raimund Klinkner, Vorsitzender des Aufsichtsrats von DMG Mori.

Von OWL zur Zukunftsallianz

Der Verein Zukunftsallianz Maschinenbau e. V. ist noch relativ jung – gegründet wurde die Gemeinschaft diverser Maschinenbaugrößen auf der Hannover Messe 2015 – vor gerade mal einem halben Jahr also. Unter der Regie von Geschäftsführer Gerald Pörschmann, der vorher 10 Jahre lang das Netzwerk OWL Maschinenbau e. V. leitete, strebt die Zukunftsallianz konkrete Ziele an, um deutsche Maschinenbauunternehmen im globalen Innovationswettbewerb zu unterstützen. So prophezeit Pörschmann in seiner Eröffnungsrede im Miele Forum in Gütersloh einen Strukturwandel in den nächsten zwei bis fünf Jahren – und darauf sollten nicht nur die großen, sondern auch insbesondere die kleinen und mittleren Unternehmen vorbereitet sein.

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Dabei gehe es, so definiert Pörschmann die Vision Zukunftsallianz weiter, nicht nur um reinen – und durchaus notwendigen – Wissenstransfer. Zweck des Vereins sei es, „insbesondere die kleinen und mittelgroßen Unternehmen des Maschinenbaus und der industriellen Automatisierungstechnik aus dem Nord-Cluster in den Strategien, Konzepten und Maßnahmen zur Stärkung der Innovationskraft und zur Zukunftssicherung der Unternehmen im globalen Wettbewerb zu unterstützen“.

Die ersten vier Workshops stehen fest

Dazu startet die Zukunftsallianz bereits ab Oktober mit sogenannten Dialog-Workshops in den Bereichen Markt, Technologie, Organisation und Prozess. Die erste Veranstaltung findet am 6. Oktober statt, in der Denkwerkstatt geht es um „Moderne Ansätze zur Steigerung der Innovationskraft und Effektivität in dynamischen Umwelten.“

Am 22. Oktober geht es um die „Auswirkungen der Digitalisierung und struktureller Marktveränderungen“, am 29. Oktober ist das Thema „Zukunftssicherung durch beschleunigte und zuverlässige Entwicklungsprozesse“, im Februar des neuen Jahres findet der vierte Dialog-Workshop unter dem Titel „Industrie 4.0 – Relevante Technologien für die Maschinenbaupraxis“ statt. Abgehalten werden die Workshops in der Robotation Academy auf dem Messegelände der Messe Hannover – für 99 Euro und nur ein einziges Mal.

Mieles Wandel zum Lösungsanbieter

Als wesentlichen Faktor für die Umsetzung von Industrie 4.0 sieht Miele Geschäftsführer Dr. Eduard Sailer die Transformation der Unternehmen vom reinen Produktanbieter hin zum ganzheitlichen Lösungsanbieter. „Wir merken auf der Produkteseite inzwischen eine rasende Dynamik, die nicht nur Technologie betrifft, sondern auch Geschäftsmodelle“, so der Geschäftsführer.

Auch Miele habe diese Wandlung durchgemacht: Unter dem augenzwinkernden Motto: „Miele beschäftigt sich jetzt auch mit dem Waschen“ fasst der Konzern zusammen, dass der Erfolg eines Unternehmens nur dann Zukunft hat, wenn es sich mit der Wertschöpfungskette des Kunden beschäftigt. Es reiche nicht mehr, eigenen und bewährten Ertragsmodellen zu vertrauen, denn wer garantiere denn, dass diese Modelle nicht schon bald von anderen Unternehmen umgekehrt werden? Als Beispiel nannte Sailer die berühmt-berüchtigten Nespresso-Kapseln, die in einer unglaublichen Dynamik den Markt für Kaffeeproduzenten und Kaffeemaschinenherstellern auf den Kopf gestellt haben.

Dies erfordere schon bei der Entwicklung neuer Produkte ein Umdenken: „Die Verfahrenstechnik muss künftig beim Systems Engineering berücksichtig werden“, erläutert Sailer. So bietet Miele etwa inzwischen ein eigenes Waschmittel an, dass direkt in die Waschmaschine integriert wird und somit das manuelle Nachfüllen von Waschmittel unnötig macht – in der Theorie kann die Waschmaschine dann sogar ihrem Besitzer auf das Smartphone melden, sobald die Kartusche leer wird – und direkt den Bestellvorgang bei Miele einleiten.

Und noch weiter gedacht sucht sich die intelligente Waschmaschine dank Smart Grid-Anschluss den Moment zum Waschen, an dem der Strom am Günstigsten ist. Hier machen aber gerade örtliche Stromanbieter, die nur Tag- und Nachttarif (anstatt wie vorgeschrieben stündliche aktualisierte Preise) anbieten, jegliche Innovation kaputt.

Gleichzeitig aber warnte Sailer vor zu viel Ignoranz des neuen schnelllebigen Marktes. Beispiel Waschmaschine, Beispiel Amazon, das Muster disruptiver Innovation: Das Unternehmen biete derzeit einen Push-Button an, der in der Herstellung kaum etwas koste, direkt an die Waschmaschine geklebt würde und auf Knopfdruck einen neuen Waschmittel-Bestellvorgang, natürlich bei Amazon, auslöse. „Wir sind in unserer Industrie stark beeinflusst von einer ungeheuren Dynamik, nicht durch die Komponenten die wir kennen, sondern durch neue Spieler, die dort auftreten und sich einen Teil von dem Markt holen wollen, den wir ihnen nicht geben wollen.“, so das Fazit von Dr. Sailer. Zusammen mit der Botschaft, dass diese Gefahr jedem Unternehmen drohe. Und man sich gut darauf vorbereiten solle.

4.0-Pilotprojekte des Waschmaschinenherstellers

Was Miele selbst in Richtung Indsutrie 4.0 in die Wege leitet, erklärte anschließend Werksleiter Dr.-Ing. Stefan Breit, der die Frage aufwarf, ob Industrie 4.0 tatsächlich mehr sei als nur Automation im neuen Gewand – eine Antwort blieb er bewusst schuldig. Denn genau solche Fragen zu erörten, dazu wollen er und die Zukunftsallianz Mitglieder und Unternehmen ermuntern.

  • Anschauliche Beispiele zur Integration von Industrie 4.0-Aktivitäten etwa aus dem Bereich Shopfloor/Automation zeigen etwa die Logistikoptimierung durch ein fahrerloses Transportsystem im Werk Gütersloh und ein Staplerleitsystem, bei dem die Fahrer automatisch neue Transportaufträge auf webbasierte Touchterminals erhielten.
  • Im Bereich der Fertigung werden Leichtbauroboter direkt in die Montageabläufe integriert, ohne spezielle Schutzkonzepte. Sie erledigen monotone und belastende Arbeiten und schonen die Gesundheit der Mitarbeiter
  • In einem Pilotprojekt im Werk Bünde wird die Montage um eine Industrie 4.0-Montage erweitert, in der einzelne Arbeiter Dampfgarer komplett zusammensetzen und dabei von Sensoren, Hallen-GPS, Tablets und intelligenten Werkzeugen unterstützt werden.

Chancen der Digitalisierung

Dr. Ing. Raimund Klinkner, Vorsitzender des Aufsichtsrats bei DMG Mori und Geschäftsführender Gesellschafter des Institute for Manufacturing Excellence, gab Einblicke in die FLEAN Produktion – die flexible und schlanke Gestaltung von Prozessen und Systemen. Und er warnte eindringlich davor, die Wirtschaftsmacht China nicht zu unterschätzen. Denn nach wie vor sei das Land die Fabrik der Welt, mit einer weltweiten Produktionsleistung von 46,5 % im Jahr 2013 (1990 lag dieser Wert noch bei 26,5 %).

Außerdem sei ein Paradigmenwechsel in der Produktion nötig, der nicht nur Faktoren wie Kosten, Qualität und Zeit berücksichtige, sondern auch Individualität (von LEAN zu FLEAN). Es brauche, eigentlich unvereinbar, flexible Standards, die jedes Unternehmen für sich selber finden und definieren müsse.

Die Chancen und die Unaufhaltbarkeit der Digitalisierung untermauerte Klinkner mit beeindruckenden Zahlen: Bis 2018 steige die weltweite monatliche Datenmenge auf 131.553 PB, steigend dabei vor allem der Gebrauch von Smartphones und Tablets. Die Veränderungen der traditionellen Geschäftsmodelle erläuterte Klinkner anhand von prominenten Beispielen anderer Branchen, etwa Spotify in der Musikindustrie, Amazon beim Handel oder Air BNB in der Tourismusbranche.

Die nächste Veranstaltung der Zukunftsallianz Maschinenbau, der 2. Innovationsdialog, findet im November 2015 in Wolfsburg statt.

Dieser Artikel stammt von unserem Schwesterportal MaschinenMarkt. Verantwortlicher Redakteur: Robert Horn

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