Interview mit Dominik Schiener

„Gemeinsam mit der Industrie bringen wir IOTA auf das nächste Level“

| Autor / Redakteur: Lisa Marie Waschbusch / Nico Litzel

IOTA-Founder Dominik Schiener im Interview mit uns auf der Hannover Messe 2018.
IOTA-Founder Dominik Schiener im Interview mit uns auf der Hannover Messe 2018. (Bild: Jürgen Schreier)

Die neue Technologie IOTA steckt noch in den Kinderschuhen, dennoch gilt sie schon jetzt als echte Alternative zu Bitcoin und Blockchain. Dominik Schiener, Co-Founder von IOTA, sprach auf der Hannover Messe 2018 mit uns über Gemeinsamkeiten und Unterschiede, das große Thema Sicherheit, aber auch über die Zukunftspläne von IOTA.

Dominik Schiener hat eine große Vision. Vor drei Jahren entwickelte er zusammen mit David Sønstebø, Sergey Ivancheglo und Dr. Serguei Popov IOTA, ein digitales Zahlungssystem, und gründete die gleichnamige Foundation. Schiener und seine Mitstreiter haben schon heute eine beachtliche Erfolgsgeschichte hinter sich – mittlerweile zählt IOTA zu den zehn größten Kryptowährungen. Warum das so ist, schildert uns Dominik Schiener in einem Exklusiv-Interview auf der Hannover Messe 2018.

IOTA basiert auf der sogenannten Tangle-Technologie, einem gerichteten azyklischen Graphen, die Blockchain wiederum auf einer eindimensionalen Kette aus Blöcken. Was bietet das Tangle in der Anwendung für Vorteile im Vergleich zur Blockchain?

Schiener: Das Tangle basiert eigentlich auf ähnlichen Prinzipien wie eine Blockchain: Es ist eine Datenbank, auf der man Daten hinzufügen kann und die niemals wieder verändert werden können. Das Interessante an IOTA ist allerdings unser Weg, das zu erreichen. Bei der traditionellen Blockchain sind Miner involviert, die sehr viel Energie verbrauchen. Die Skalierbarkeit ist aufgrund des Aufbaus eingeschränkt und die Transaktionskosten sind sehr hoch – bei Bitcoin lagen diese schon einmal bei 30 Dollar. Das macht beispielsweise Micropayments unmöglich.

Was wir jetzt anders machen: Es gibt keine Miner mehr, sondern alle Teilnehmer validieren Transaktionen anderer Teilnehmer und tragen somit zur Sicherheit des Systems bei. Damit fallen natürlich auch die Transaktionskosten weg. Wenn ich also einen Cent versende, erhält die andere Partei einen Cent. Dadurch wird weniger Strom verbraucht, es ist also „grüner“. Das Tangle macht IOTA beliebig skalierbar. Insgesamt sind wir also sehr gut positioniert, um Probleme für das Internet der Dinge zu lösen und neue Businessmodelle zu ermöglichen.

Es heißt nun: Wächst ein Tangle und immer mehr Teilnehmer tätigen Transaktionen, wird auch das Gesamtsystem sicherer und schneller. In der Industrieanwendung muss es häufig schnell gehen, was bei der Blockchain aufgrund des Miningprozesses nur bedingt möglich ist. Damit scheint sich IOTA für die Industrie besser anzubieten, oder?

Schiener: Genau, und die Industrie ist natürlich unser Hauptfokus.

Für welche Anwendungen bietet sich IOTA an?

Schiener: Die Technologie ermöglicht hauptsächlich zwei Dinge: Einerseits, wie schon erwähnt, sind Micropayments möglich, womit eine Maschine eine andere Maschine bezahlen kann. Heißt also, ein großes Unternehmen muss sich eine Maschine nicht mehr kaufen, sondern leiht sie nur aus und bezahlt pro Verwendung (beispielsweise pro Sekunde) per Micropayment. Das ist ein völlig neues Geschäftsmodell. Im Automotive-Bereich ermöglicht mir IOTA somit die automatische Zahlung der Dienstleistung, sei es Parken, Laden oder Maut. Und das, ohne dass ich mich selbst darum kümmern muss.

Andererseits spielt natürlich das Thema Datensicherheit eine Rolle – wie man Daten sichert und diese verifizieren kann. Unser Fokus liegt auf der Industrie 4.0. Also stellen wir uns die Frage, wo Daten einer Maschine im Factory Flow gesichert werden können und wie herausgefunden werden kann, was die Maschine in der Vergangenheit gemacht hat. Diese Anwendung bietet sich beispielsweise für Digital Twins an. Wir wollen bei Lieferketten Transparenz schaffen: Wo war das Produkt, welche Dokumente wurden signiert usw. Es geht darum, eine einzige „single source of truth“ zu haben und dadurch neues Vertrauen zu schaffen.

Jetzt haben wir über Vorteile wie die hohe Skalierbarkeit und fehlende Transaktionskosten gesprochen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Sicherheit. Hierbei gilt Blockchain als extrem fälschungssicher und transparent. Wie sieht es in Sachen Sicherheit bei IOTA aus?

Schiener: Unveränderbare Datenspeicherung und Sicherheit des Systems sind Kernelemente des IOTA Protokolls. Man geht davon aus, dass 2025 jeder von uns mindestens zwölf smarte Devices besitzen wird, die miteinander kommunizieren werden. Da ist es von zentraler Bedeutung, dass die Integrität gewährleistet ist und wir dem System vertrauen können. Transparenz ist Teil unserer Vision: ein selbstreguliertes Ökosystem, das ohne Einschränkungen für jeden zugänglich ist und dadurch Transparenz gewährleistet. Mit der Anzahl der Teilnehmer steigt die Robustheit und die Sicherheit des Systems. Wir haben führende Mathematiker und Researcher eingestellt, die sich mit dem Thema Sicherheit auseinandersetzen und IOTA stetig weiterentwickeln.

Jetzt wird aktuell häufig das Thema Quantencomputer aufgebracht. Forscher behaupten, Quantencomputer könnten aufgrund ihrer hohen Rechenleistung die Sicherheit der Blockchain bedrohen. Stellen Quantencomputer für IOTA ebenfalls eine potenzielle Bedrohung dar?

Schiener: Nein. IOTA war das erste Projekt, welches Quantencomputer und die Gefahr, die davon ausgehen kann, ernstgenommen hat. Aus diesem Grund verwenden wir keine traditionelle „Public-Key-Cryptography“ mehr, bei der es Schlüssel gibt. Vielmehr nutzen wir hash-basierte Signaturen und ein kryptographisches System, von dem man annimmt, es sei sicher vor Quantencomputern.

Im Hinblick auf die anstehende Einführung der DSGVO: Wo liegen die Daten, wenn IOTA genutzt wird?

Schiener: IOTA an sich ist sehr agnostisch, was das Abbilden der Daten angeht. Wenn ich die Daten in dem Tangle selbst abbilde, werden sie natürlich verschlüsselt. Das heißt, nur ich oder die anderen Parteien, denen ich Zugriff erteile, können die Daten lesen. Bei uns muss die Partei, die Daten sichern möchte, nur den Hash, sprich den Fingerabdruck der Datei, im Tangle abbilden, das heißt, sie kann die Daten immer noch verifizieren. Aber die Daten selbst werden in einer lokalen Datenbank gespeichert. Wichtig ist hier die Verifizierungskomponente, das macht IOTA agnostisch. Der Nutzer selbst kann entscheiden, wie er das machen möchte.

Auf der IOTA-Webseite fällt unter Visionen der Begriff „Sharing Economy“. Was ist darunter zu verstehen?

Schiener: Sharing Economy bedeutet für uns, dass alle Ressourcen geteilt werden können. Auf der einen Seite kann beispielsweise eine Maschine, die noch Lagerraum im Produktionsprozess übrig hat, diesen an eine andere Maschine verkaufen. Das wäre eine Sharing Economy zwischen zwei Maschinen. Auf der anderen Seite geht es aber auch darum, Maschinen selbst auszuleihen. Warum soll ich eine Bohrmaschine besitzen, wenn ich nur ein einziges Loch bohren möchte? Ich möchte die Maschine von meinem Nachbarn ausleihen und bezahle ihm via Micropayment einen Beitrag. Beispielsweise pro Sekunde, in der die Maschine verwendet wird. Auf die Industrie 4.0 übertragen bedeutet das: Warum soll ich diesen speziellen Roboterarm besitzen, wenn ich nur ein Produkt damit fertigen möchte? Das meinen wir mit Sharing Economy.

Und das läuft praktisch ohne Vermittler oder Plattform ab?

Schiener: Genau. Es gibt keine Partei mehr, die die Plattform besitzt, wie es beispielsweise bei AirBnB oder Uber der Fall ist. Wir wollen ein dezentrales Netzwerk aufbauen, bei dem die Leute, die teilnehmen, auch Besitzer der Plattform sind. Es gibt keinen, der die Oberhand hat.

Im Zusammenhang mit dem IoT spricht ja Vieles für IOTA – das Micropayment-Thema, die Skalierbarkeit, die Echtzeitfähigkeit. Trotzdem gibt es Unternehmen, die auf Blockchain setzen, wie beispielsweise der Werkzeugmaschinenhersteller DMG Mori. Werden wir zwei konkurrierende Systeme haben oder wird es früher oder später doch einen Verdrängungswettbewerb geben?

Schiener: An sich wäre das teilweise wohl auch konkurrierend. Das hängt natürlich davon ab, welche Technologie man dort verwendet und für welchen Use Case. Das Problem ist, dass viele große Unternehmen Konsortien bilden und in diesen Konsortien verwenden sie ihr eigenes privates Netzwerk. In diesem Kontext machen sowohl Blockchain als auch IOTA eigentlich sehr wenig Sinn. Es macht viel mehr Sinn, wenn es ein öffentliches Netzwerk ist, an dem jeder teilnehmen kann. Dann ist auch die Sicherheit gewährleistet. Deshalb arbeiten wir sehr stark daran, die großen Unternehmen zu überzeugen, auch unsere Technologie zu verwenden oder der Stiftung beizutreten.

Was spricht denn angesichts des hohen Energieverbrauchs bei der Generierung von Blöcken, des zeitraubenden Konsensus-Algorithmus und der begrenzten Granulier- bzw. Skalierbarkeit überhaupt noch für die Blockchain-Technologie?

Schiener: Definitiv der Reifegrad. Technologien wie Ethereum sind Jahre älter als wir. Deshalb habe ich auch gesagt, dass wir dieses Jahr uns und die Technologie professionalisieren wollen – sodass es nicht mehr nur ein Beta-Protokoll, sondern „production-ready“ für die Industrie ist. Deshalb ist es uns wichtig, enge Partner aus der Praxis zu haben, die auch hier auf der Messe zeigen, was man mit der Technologie machen kann.

Ihr habt in den letzten Monaten großen Erfolg erleben dürfen. Was sind denn die Pläne für die Zukunft?

Schiener: Dieses Jahr wollen wir die Stiftung groß aufziehen, sodass es nicht nur ein deutsches Projekt oder eine deutsche Stiftung ist, sondern ein internationales, globales Projekt. Außerdem wollen wir die IOTA-Technologie selbst noch mehr in die Industrie bringen. Wir wollen, dass es nicht mehr nur um „Proof of Concepts“ geht, sondern dass wirklich Case Studies entstehen, um den Mehrwert der Technologie zu zeigen. Und generell geht es bei uns jetzt darum, alles zu professionalisieren.

Über IOTA

IOTA ist eine Technologie, die die Kommunikation und Bezahlung zwischen zwei Maschinen ermöglicht und somit speziell auf IoT-Devices abzielt. IOTA will hierfür eine „Machine Economy“ aufbauen, bei der die Maschinen in der Lage sind, kleinste Einheiten einer Ressource zu kaufen oder zu verkaufen. Gezahlt wird dabei mit Micropayments.

Anders als die Blockchain-Technologie basiert IOTA auf einem gerichteten azyklischen Graphen, einem sogenannten Tangle: Die Knoten des Tangles sind keine Knoten im Netzwerk oder Blöcke einer Blockchain, sondern stellen einzelne Transaktionen dar. Damit ein IOTA-Nutzer eine Transaktion senden kann, muss er zwei andere Transaktionen beglaubigen. Für den Beglaubigungsprozess werden noch immer Hash-Funktionen eingesetzt. Das Tangle ist aufgrund seines Aufbaus beliebig skalierbar. Das System soll mit wachsender Anzahl von Nutzern und Transaktionen schneller werden, was es für Industrie-Anwendungen attraktiv macht.

Dieser Artikel stammt von unserem Partnerportal Industry of Things.

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