IDC-Studie Die Digitalisierung wird weiterhin unterschätzt

Redakteur: Marisa Metzger

Ziel der IDC-Studie vom August 2015 war, einen Einblick in die Pläne, Erfolge und Einschätzungen der verarbeitenden Betriebe hinsichtlich des Themas „Industrie 4.0“ zu erhalten.

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IDC hat auch im Jahr 2015 eine Studie zum Thema „Industrie 4.0.“ veröffentlicht.
IDC hat auch im Jahr 2015 eine Studie zum Thema „Industrie 4.0.“ veröffentlicht.
(Bild: Fotolia_fotohansel)

Die Auseinandersetzung mit Industrie 4.0 ist in deutschen Industriebetrieben in den vergangenen zwölf Monaten gereift, viele Unternehmen befinden sich allerdings noch am Anfang der Umsetzung. Das ergab eine Studie von IDC, die im August dieses Jahres durchgeführt wurde.

Anwendungsfälle drehen sich aber bisher vor allem um eine bessere Kontrolle und Transparenz. Eine stärkere Kundenorientierung oder gar neue Geschäftsmöglichkeiten werden derzeit noch nicht wahrgenommen. Die Marktforscher befragten 201 Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes mit mehr als 100 Mitarbeitern. Zudem wurde ein Vergleich zwischen den Einschätzungen von Fabrikausstattern und -betreibern, IT- und Produktionsverantwortlichen sowie mittelständischen und großen Unternehmen gezogen. Die Ergebnisse wurden auch den Vorjahreszahlen gegenübergestellt.

Industrie 4.0. – eine Herausforderung für Unternehmen

Industriebetriebe müssen in den nächsten zwei Jahren wichtige Herausforderungen bewältigen, so IDC. Die unsichere Entwicklung der Weltwirtschaft und der Wettbewerb mit Niedriglohnländern würden den Handlungsdruck erhöhen. Aufgaben wie den Umsatz und Erlös zu steigern oder interne Prozesse zu verbessern, bilden die Ausgangsbasis für 4.0-Initiativen.

Zudem sähen lediglich IT-Verantwortliche die Digitalisierung im verarbeitenden Gewerbe als wesentliche Herausforderung der nächsten beiden Jahre. Produktions- und Fachbereichsverantwortlichen fehle weiterhin das Verständnis, wie die Technik ihre Tätigkeit im Betrieb verändern wird. Für die IT biete sich die Chance, die Digitalisierung federführend voranzutreiben.

Die Pläne reifen

Das Konzept der vierten industriellen Revolution durchdringt das verarbeitende Gewerbe immer stärker. Die große Präsenz von Industrie 4.0 in den Medien oder auf Messen wie der HMI oder Cebit stelle dabei ein wesentlichen Treiber dar. Ein Großteil der Mittelständler und Großunternehmen in Deutschland schafft momentan die Basis für Industrie-4.0-Initiativen. Nur knapp ein Drittel der Firmen hat bereits Erfahrungen in Pilotprojekten oder im operativen Betrieb mit Industrie-4.0-Technologien gesammelt. Auch werden die Betriebe eine Vernetzung des Shop Floors mittels Cyber Physical Systems in den kommenden Jahren deutlich vorantreiben. Der technische Fortschritt trägt maßgeblich dazu bei, denn Sensoren, eingebettete Systeme und Funktechniken werden immer leistungsstärker und kostengünstiger.

Fokus von Industrie-4.0-Use-Cases stehen aktuell die Erfassung, Überwachung und Kontrolle von Prozessen und Produkten. Die Fehlerreduzierung hat also offenbar eine größere Relevanz als Fertigungsverfahren neu zu gestalten und zu optimieren. Aus Sicht der Marktforscher von IDC ist dies weniger überraschend: Betriebe treiben im ersten Schritt die Vernetzung ihres Shop Floors mittels Sensoren und CPS voran. Danach würden auf Basis der erhobenen Daten Transparenz und Kontrolle über Fertigungsprozesse gestärkt werden und erst im dritten Schritt das Optimierungs- und Monetisierungspotenzial der Daten erschlossen werden.

Fabrikbetreiber schlafen

Die Detailauswertung zeigt zudem, dass Fabrikausstatter (35 Prozent) deutlich mehr Industrie-4.0.-Initiativen umgesetzt haben als Fabrikbetreiber (23 Prozent). Darüber hinaus haben Maschinen- und Anlagebauern öfter Industrie-4.0-Kompetenzteams gebildet und entsprechende Budgets geplant.

„Es zeichnet sich eine Industrie 4.0 der zwei Geschwindigkeiten zwischen den Fabrikausstattern, die ihr ,traditionelles' Produktgeschäft durch innovative, zusätzliche Services erweitern und neue Umsatzquellen erschließen wollen, und den Fabrikbetreibern ab“, bewertet Mark Alexander Schulte, Consultant und Projektleiter bei IDC, die Ergebnisse. „Es ist höchste Zeit, dass die Fertigungsbetriebe aus dieser Lethargie erwachen, wenn sie langfristig erfolgreich bleiben wollen.“

Die Cloud als „Enabler“

Die Bedeutung von Software und Services für die Umsetzung von Industrie-4.0-Initiativen wird aus Sicht der Befragten in den kommenden Jahren deutlich steigen. Security Software, Big Data Analytics-Lösungen, eine zentrale CPS-Plattform und Digital Factory Solutions rücken besonders in den Fokus der Unternehmen. Die Herausforderung, die wachsenden Datenmengen und CPS zu beherrschen und deren Potenzial zu nutzen, ist groß.

Gleichzeitig soll die Integration des Shop Floors und Top Floors durch ein durchgängiges Engineering vorangetrieben werden und so die Sicherheit der vernetzten Produktionssysteme durch IT-Lösungen verbessern.

Bei dieser digitalen Transformation werden Unternehmen zunehmend auf Cloud-Lösungen setzen. Diese sehen die meisten Befragten als „Enabler“ der vierten industriellen Revlution an. 25 Prozent der Betriebe planen laut den IT-Verantwortlichen daher im kommenden Jahr die Nutzung von Cloud Computing. Die Bedenken sind also in den Hintergrund gerückt.

Alarmierende Sicherheitsvorfälle

Der Schutz von internen Daten und Wissen wird bei der intelligenten Fertigung eine Schlüsselrolle einnehmen. Die Zahl an Sicherheitsvorfällen in den befragten Unternehmen ist allerdings hoch: 54 Prozent der Fertigungsbetriebe hatten in den zurückliegenden zwölf Monaten mindestens einen Sicherheitsvorfall. Davon beliefen sich

  • 32 Prozent auf eine Manipulation in der Fertigung
  • 25 Prozent auf eine Unterbrechung der Produktion
  • 21 Prozent auf Verstöße gegen Gesetze und Vorschriften
  • 17 Prozent auf das Diebstahl geistigen Eigentums und
  • 15 Prozent auf Personalschäden.

„Die Sicherheitsbedenken im Hinblick auf Industrie 4.0 beruhen nicht nur auf ,German Angst', sondern sind ein echtes Problem“, so Schulte. „Entscheidungsträger müssen hier dringend handeln. Sollten Lösungen und Konzepte nicht adäquat umgesetzt werden, wird die IT-Sicherheit zum Show-Stopper für Industrie-4.0-Projekte.“ Dabei sollten aus Sicht von IDC auch Sicherheitskonzepte wie Security by Design, Whitelisting oder Trusted Computing in Erwägung gezogen werden. Auch sollten organisatorische Maßnahmen vorgenommen werden, um Fehlverhalten von Anwendern zu verhindern.

Der Hürdenlauf zur Industrie 4.0.

Als wichtigsten Erfolgsfaktor sehen die Befragungsteilnehmer ausgereiftere Technologien und Lösungen für die intelligente und vernetzte Fabrik an (39 Prozent) – und zwar mit deutlichem Abstand vor Konzepten zur Verbesserung der IT-Sicherheit (26 Prozent), der Unterstützung durch das Management (21 Prozent) oder einer gesicherten Finanzierung (13 Prozent). Industriebetriebe wünschen sich Industrie-4.0-Lösungen „out of the box“. Dies könnten aber nur die wenigsten Anbieter aus einer Hand anbieten. So fordert IDC, dass Anwender das Tempo bei der Weiterentwicklung von Industrie-4.0-Lösungen erhöhen, Partnerschaften aufbauen und ihre Produkte und Dienstleistungen stärker an die Bedürfnisse der Betriebe anpassen.

Das Fazit von IDC

IDC zog ein Fazit im Vergleich zur Studie aus dem Jahr 2014: So komme Industrie 4.0. in Deutschland zwar voran, allerdings in unterschiedlichem Tempo. Während die Fabrikausstatter eine Chance sehen, neue Umsatzquellen zu erschließen, sind Fertigungsbetriebe noch zu lethargisch. Sie müssten sich den Entwicklungen stärker öffnen und sich auf das neue Terrain wagen, wenn sie langfristig erfolgreich bleiben wollen. Das Potential wachsender CPS-Datenmengen auszuschöpfen und Sicherheit im Shop Floor zu gewährleisten, sei hierfür entscheidend. Aber nicht nur Industriebetriebe sondern auch die Anbieter haben laut IDC noch einen weiten Weg vor sich. Zudem würden IT-Provider von den Industriebetrieben als bevorzugte Industrie-4.0-Anbieter wahrgenommen werden. Diese Ausgangslage sollten Lösungsanbieter nutzen, um zügig Partnerschaften aufzubauen, Komplettlösungen zu entwickeln und sich damit nachhaltig im Markt zu positionieren, folgert IDC.

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