Infrastruktur-Technologie

Blockchain – vom Internet der Dinge ins Internet der Werte

| Autor / Redakteur: Karin Pfeiffer / Nico Litzel

Hans Thalbauer ist Senior Vice President Digital Supply Chain und IoT bei SAP und sieht in der Blockchain etliche Ansatzpunkte für Effizienzhebel.
Hans Thalbauer ist Senior Vice President Digital Supply Chain und IoT bei SAP und sieht in der Blockchain etliche Ansatzpunkte für Effizienzhebel. (Bild: SAP)

Neue Produktivitätshebel in den industriellen Prozessen? Kein Wunder, dass das Thema Blockchain in der Automatisierung ankommt. Wir haben dazu Experten befragt. In unserem Beitrag kommt Hans Thalbauer, Senior Vice President Digital Supply Chain und Internet-of-Things bei SAP, einer der Keyplayer zu Wort.

Die Blockchain-Technologie wird oft mit Krypto-Währung gleichgesetzt. Was macht sie so interessant für industrielle Anwendungen?

Thalbauer: Die Blockchain stellt eine Möglichkeit dar, Geschäfte und Geschäftsprozesse digital und revisionssicher abzuwickeln. Alle Geschäftspartner sehen im übergreifenden Netz der Blockchain transparent den Status eines Prozesses, eines Vertrags oder den Besitzstand zu einem Investitionsgut.

Nehmen Sie als Beispiel die bisher komplexe Abwicklung von Seefrachtbriefen. Die sogenannten „Bills of Lading“ werden bisher als Papierdokumente verarbeitet und zwischen den Geschäftspartnern hin- und hergeschickt. Innerhalb einer Blockchain steuern und regeln jetzt Smart Contracts den Austausch von Informationen über den kompletten Zyklus.

Die Dokumente sind in der Blockchain gespeichert und werden von allen beteiligten Geschäftspartnern, etwa auch dem Zoll, digital signiert.

Oder nehmen wir ein Beispiel der Firma UPS. Diese will im Auftrag von Unternehmen Ersatzteile mit 3D-Druckern ausdrucken und liefern. Doch wer testiert dem ursprünglichen Hersteller den originalgetreuen Druck und die Lieferung in der korrekten Stückzahl? Auch dies wird mit einer Blockchain fälschungssicher protokolliert.

Könnte die Blockchain-Technologie bei der Umsetzung von Visionen zu Industrie 4.0, IoT und Smart Factorys helfen?

Thalbauer: Ja, dazu gibt es schon Beispiele, wie etwa das 3D-Druck-Projekt bei UPS. Das ist eine typische Smart-Factory-Anwendung, die einem klassischen Paket-Logistiker plötzlich ganz neue Möglichkeiten bietet. Mit der Blockchain-Technologie wird zudem die komplette Individualisierung eines Produkts denkbar. Die Stückzahl „1“ ist möglich.

Insgesamt betrachtet ist die Blockchain die Basis für eine verteilte Fabrik oder einen verteilten Geschäftsprozess. Es geht um Produktsicherheit, Compliance und Produktqualität. Innerhalb einer Supply Chain ist die Blockchain die „neutrale Basis“ zwischen Geschäftspartnern, auf dem Informationen unveränderbar weitergegeben werden können.

Nehmen Sie ein Beispiel aus dem Pharma-Bereich: In den USA gehen allein bei einem Großhändler täglich rund 10.000 Pakete mit Rücksendungen ein, was zwischen 62.000 und 115.000 zurückgegebenen Einheiten pro Tag entspricht. Hochgerechnet sind dies 15,2 Mio. Einheiten pro Jahr oder 1,7 Prozent des Volumens im Wert von 2,1 Mrd. US-Dollar oder zwei Prozent des Umsatzes.

Sie können solche ungeöffneten Packungen gesetzeskonform wieder in den Handel bringen, wenn Sie die Serialisierungsdaten des Medikaments auf die einzelne Packung aufbringen und abgleichen können. Innerhalb einer Blockchain kann der potenzielle Wiederverkauf der Retoure beim Großhändler überprüft werden. Damit erreichen Sie „Full Track and Trace“, was der US-Gesetzgeber für Medikamente ohnehin ab 2023 fordert.

Blockchain – enormes Potenzial liegt im IoT

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Blockchain – enormes Potenzial liegt im IoT

21.06.18 - Offenbar alles andere als nur ein Hype: Für viele Experten hat die Blockchain sogar das Zeug zur Infrastruktur-Technologie – und könnte die Herausforderung vernetzter Zukunftsperspektiven lösen. Auch bei den neuen Geschäftsmodellen in einer Industrie 4.0. Welches Potenzial steckt in den Blöcken für industrielle Anwendungen? Wir haben dazu Prof. Dr. Nils Urbach vom Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik (FIT) und Mitgründer des Fraunhofer Blockchain-Labors befragt. lesen

Und worin könnte der Nutzen speziell für die Automatisierungsbranche liegen?

Thalbauer: Traceability ist auch das Stichwort für die Automatisierung. Es ist so, dass die Automatisierung durch die Kontrolle der Ausnahmen gerne ausgehebelt wird. Was passiert, wenn etwas schief geht? Jetzt kann die Historie eines Prozesses unverfälscht festgehalten werden. Dadurch entsteht eine Produkthistorie, die eine ständige Feedback-Schleife etabliert und die Automation laufend verbessert und nachreguliert.

Bei SAP ist die Blockchain Teil von SAP Leonardo, unserem System für digitale Innovation. Leonardo wiederum setzt auf der SAP Cloud Platform auf, die zum Beispiel auch Standard-Komponenten SAP Global Track and Trace enthält. Mittels der Blockchain in SAP Leonardo kann Automatisierung auf ein neues Niveau gehoben werden.

Welche Ansätze verfolgt SAP bereits mit der Blockchain-Technologie in der Industrie?

Thalbauer: Ich habe ja bereits ein paar Beispiele genannt. Diese sind zusammen mit den jeweiligen Branchen-Playern konkret erprobte Szenarien. Wir begleiten die Innovation in den einzelnen Branchen sehr spezifisch. Die erprobte Infrastruktur, mit der wir „Blockchain as a Service“ zur Verfügung stellen, ist Teil unser digitales Innovationssystem SAP Leonardo auf Basis der SAP Cloud Platform.

Gibt es Haken oder Hürden? Stichwort: Energieintensive Technologie?

Thalbauer: Bei Blockchains zwischen Unternehmen spielt der Energieverbrauch keine so große Rolle. Alle beteiligten Partner müssen sich jedoch koordinieren und an einem gemeinsamen Strick ziehen, darin liegt eher ein Hindernis. Beim Projekt der digitalen Abwicklung der Seefrachtpapiere müssen sich die Reedereien, aber auch die Lieferanten und die Behörden zusammentun. Das erfordert ein Change Management in den Köpfen der Partner. Auch die Normierung und Standardisierung spielt eine Rolle.

Blockchains – nur ein kurzer Hype oder könnte diese Technologie tatsächlich vieles ändern?

Thalbauer: Die Blockchain ist derzeit zwar ein Hype-Thema, aber sie wird ihren Weg in vielen Bereichen machen. Es geht um Traceability, um die revisionssichere Verfolgbarkeit in Supply Chains und bei Geschäftsprozessen über eine ganze Branche hinweg. Es geht um die „Chain of Custody“ vom Erzeuger bis zum Verbraucher.

In der Nahrungsmittelherstellung beispielsweise kann die Blockchain zur Schlüsseltechnologie werden. Von der Ernte bis zum Teller, Farm to Fork, sollte alles nachvollziehbar werden. Ein heute bereits existierendes Beispiel ist die Nachverfolgung von Thunfisch als Mittel gegen die Überfischung aber auch zur Kontrolle der Qualität und Lebensmittelhygiene.

Welcher Aspekt ist Ihnen im Zusammenhang der Blockhain-Technologie für industrielle Anwendungen noch wichtig?

Thalbauer: Die Blockchain eröffnet viele Innovationspotenziale. Dabei haben wir den rein technischen Ablauf schon im Griff. Jetzt geht es darum, in möglichst vielen Bereichen Proof of Concepts auf die Beine zu stellen. Mit der Blockchain wechseln wir vom Internet der Dinge ins „Internet der Werte“.

Noch ist nicht ganz klar, welche Geschäftsmodelle mittels Blockchain außerhalb von den Kryptowährungen erfolgreich sein werden. Eines ist aber auch klar: wer sich nicht damit beschäftigt, und für seine Branche kein Szenario sucht, der kann ins Abseits geraten. SAP bietet übrigens spezielle Workshops an, die auf Basis der „Design-Thinking-Methode“ helfen, die Scheuklappen abzulegen und den Perspektivenwechsel ermöglichen.

Dieser Artikel stammt von unserem Partnerportal Elektrotechnik.

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