Neue Technik vor dem Durchbruch

Augmented Reality benötigt eine Cloud

| Autor / Redakteur: Dr. Dietmar Müller / Florian Karlstetter

Augmented Reality ist zunehmend mehr als nur Spielerei - der Beitrag zeigt aktuelle Entwicklungen.
Augmented Reality ist zunehmend mehr als nur Spielerei - der Beitrag zeigt aktuelle Entwicklungen. (Bild: gemeinfrei (PIRO4D / pixabay) / CC0)

Die nächste disruptive Technologie, die ähnlich wie das Internet vor 20 Jahren alle Spielregeln für den Gebrauch von Medien, unsere Art zu Kommunizieren und die ökonomische Verbreitung von Waren auf den Kopf stellen wird, ist nach Ansicht vieler Experten die Augmented Reality (AR).

Das Verfahren, bei dem eine virtuelle Welt in die tatsächlich sichtbare Welt „eingebaut“ wird, ist der Weltöffentlichkeit seit Pokemon Go bestens bekannt. Das Problem: AR im großen Stil kann nur funktionieren, wenn zuvor eine AR Cloud aufgebaut wurde.

Für den neusten Schub in Sachen AR sorgte im September 2017 das elfte Release von Apples iOS, denn es enthielt das ARKit, ein Entwickler-Framework für den Bau von AR-Anwendungen (- das Pendant von Google für Android hört auf den Namen ARCore). Apple hat auch gleich aufgefrischte Anwendungen dazu vorgestellt, so die RoomScan-App, mit der per Datenbrille der exakter Grundriss einer Wohnung ermittelt werden kann, oder die Flugreisen-App „App in the Air“, mit der nun dank AR schonmal der nächste Business-Trip virtuell „vorgeflogen“ werden kann.

Weitere Beispiele für Apples AR-Anwendungen sind „Height Meter“ (Messung von Körpergrößen), das Tetris-artige „AR-Tower“, der Taschenrechner „PCalc“ oder das GIF-Tool „Momento“. Noch sind diese Apps mehr oder weniger Spielereien, aber praktisch alle Experten sind sich einig: So werden künftig praktisch alle unsere Anwendungen aussehen.

Denn anders als bei der virtuellen Realität entzieht die AR dem Betrachter nicht die Welt – im Gegenteil, sie reichert diese an. Und hat man sich erstmal daran gewöhnt, will man diese Art der Zusatzinformation nicht mehr missen. Sagen die, die es bereits ausführlich getestet haben.

Unisono erwarten auch alle professionellen Wirtschaftsauguren ein Abheben der Umsätze mit AR, PricewaterhouseCoopers (PwC) erwartet gar in Bälde AR-Kontaktlinsen. Kurz: AR wird allgemein für „das nächste große Ding“ gehandelt, das in wenigen Monaten schon unser aller Leben massiv beeinflussen wird – ganz ähnlich wie das Internet in den 90er Jahren. Unternehmen sollten sich bereits heute auf die Möglichkeiten der neuen Technologie vorbereiten.

Kein AR ohne Cloud

Doch neben all der Hysterie und Aufregung um die AR gibt es auch nachdenkliche Geister, die zwar nicht am Siegeszug der AR zweifeln, dafür aber eine noch fehlende Grundvoraussetzung ausgemacht haben: Eine weltumspannende Cloud mit Geodaten. Ohne eine solche müsste jede einzelne AR-Anwendung auf einer kleinen Basis an Geodaten aufbauen. Interagieren von AR-Anwendungen wäre damit aber praktisch unmöglich. Nur bei einer geteilten Datenbasis funktionieren die verschiedenen AR-Anwendungen synchron.

Stellen wir uns eine AR-Anwendung für Restaurants vor: Der Nutzer läuft durch die Stadt und ihm werden Informationen zu den dabei gesehenen Restaurants eingeblendet. Diese Informationen befinden sich auf einem Server, der auch die App hosted. Daraus ergeben sich verschiedene Probleme, u.a. kann man nicht sicher sein, ob die Informationen noch aktuell sind. Wer eine veraltete App nutzt, bekommt vielleicht nicht mit, dass der Besitzer und damit das Angebot einer Gastwirtschaft gewechselt haben. Besser wäre es ganz prinzipiell, wenn die Informationen über das Restaurant vom Restaurant selbst in Echtzeit geliefert würden. Eine solche Sammlung aus Echtzeitinformationen zu praktisch allem und jedem stellt die AR Cloud dar. Sie ist Voraussetzung für das weitere Wachstum von AR.

Nur mit einer AR Cloud wird es möglich sein, Informationen in der AR zu teilen, und zwar auf einem globalen Level. Das hat sowohl die Wissenschaft als auch die Industrie bereits erkannt und arbeitet an entsprechenden Lösungen. Welcher Ansatz sich durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Zumal hier jede Menge Stolpersteine versteckt sind: Eine AR Cloud müsste ständig aktualisiert werden – dies geht eigentlich nur, wenn dafür Informationen von den Endgeräten eingeholt werden - also von den Smartphones der Nutzer auf der ganzen Welt. Das wirft große Sicherheitsfragen auf, die aber, das haben wir im Falle von Facebook und Google gesehen, von den Anwendern akzeptiert werden, sofern sie dafür einen echten Nutzwert erhalten. Eine einzige AR-Killerapp könnte den Aufbau einer AR Cloud in wenigen Stunden oder Tagen ermöglichen. Wieder sei hier an Pokemon Go erinnert, das man mit einer AR Cloud auch im „echten“ Mehrspielermodus spielen könnte.

Globale Herausforderung Datenbank

Eine AR Cloud wie oben definiert hat bereits prominente Vorläufer, sie hören auf Namen wie Track Kit oder Google Tango. Die Track Kit-App beispielsweise macht genau, was man für eine globale AR Cloud benötigt: Sie fügt auf Wanderungen Beschreibungen zu Wegpunkten hinzu. Diese müssen aktuell per Mail oder Messenger mit anderen Nutzern getauscht werden, mit einer AR Cloud würde das automatisch erfolgen, da alle Nutzer in der selben „Realität“ unterwegs sind.

Googles Tango setzte auf maschinelles Sehen ganz ohne GPS, um 3D-Landkarten zu erstellen. Die Anwendung ist mittlerweile ganz in die Augmented Reality-Plattform ARCore aufgegangen.

Was noch fehlt, ist eine gemeinsame, globale Datenbank, in die die getrackten Informationen zusammenfließen. Vielleicht kommt sie, die große, alles verschlingende AR-Datenbank und damit die AR Cloud, von einem Start-up. Praktisch alle gerade an der neuen Technologie arbeitenden Unternehmen werden sich dieses Jahr auf der AWE treffen. Die Konferenz ist der Startplatz für das nächste große Ding, und eine der heute noch unbekannten Teilnehmerfirmen hat beste Chancen, das neue Google zu werden.

AR Cloud gleich Semantic Web?

Wenn wir nochmals zurückdenken an die Anfangszeit des Internet, dann stoßen wir automatisch auf Tim Berners-Lee, der für die Einführung von Standards wie URL, HTTP oder HTML verantwortlich zeichnete. Seit rund 20 Jahren m acht er Werbung für seine Idee von der Weiterentwicklung des Internets, wie wir es heute kennen und nutzen: Das Semantic Web entspricht in seiner Vorstellung einem „Giant Global Graph“, in dem „Dinge von Interesse“ mit einer eindeutigen Adresse versehen und als Knoten angelegt werden – so in etwa müsste auch die AR Cloud funktionieren.

Das Problem: Selbst ein so berühmter und einflussreicher Kopf wie der von Berners-Lee hat dieser Idee nicht zum Durchbruch verhelfen können. Kritik daran wurde von verschiedensten Seiten und aus unterschiedlichen Gründen geäußert, die größte Kritik allerdings schreibt die Geschichte selbst: Auch nach rund 20 Jahren Propaganda hat sich das semantische Web nicht durchgesetzt.

Warum sollte es mit der AR Cloud anders sein? Vielleicht weil die Idee bestechend ist, Branchengrößen wie Apple, Google, Facebook, Microsoft oder auch IBM haben sie im Fokus. Nicht unwahrscheinlich, dass sie längst an einer entsprechenden Technologie arbeiten. Denn wer hier als erster ein brauchbares Projekt vorweisen kann, könnte auch bahnbrechende Standards definieren wie damals HTML.

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45570816 / Infrastruktur)