Studie von Bitkom und VMware

Wie viel Maschinenintelligenz brauchen wir?

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Nico Litzel

VMware und Bitkom präsentierten eine aktuelle Studie zum Thema KI und deren Akzeptanz.
VMware und Bitkom präsentierten eine aktuelle Studie zum Thema KI und deren Akzeptanz. (Bild: © beebright – stock.adobe.com)

Künstliche Intelligenz (KI) schickt sich an, den Alltag von Menschen umzukrempeln. Doch wie viel KI brauchen wir im Alltag und wie viel wollen wir überhaupt? VMware und Bitkom präsentierten eine aktuelle Studie zu diesem Thema, anschließend diskutierte eine Runde aus Unternehmenspraktikern, Wissenschaftlern und Verbandsvertretern die Ergebnisse.

Intelligente Hausgeräte, Fitnessarmbänder mit Cloud-Anbindung und Chatbots im Einzelhandel sind nur drei Beispiele dafür, wie neuartige, intelligente und lernfähige Algorithmen den Alltag breiter Bevölkerungskreise mitbestimmen.

Doch wie sehr können sich Anwender und Betroffene mit KI tatsächlich identifizieren? Wie groß ist in ihren Augen der Nutzen automatisierter Servicelösungen, was befürchten sie von ihnen? Wie stark ist die Akzeptanz intelligenter Algorithmen? Die Daten, die eine aktuelle Studie von VMware und Bitkom offenbarte, zeigen: Es besteht noch immer erhebliche Skepsis gegen die Segnungen der KI im Alltagsgebrauch.

Persönlich, computergestützt befragt wurden 1.004 zufällig ausgewählte Privatanwender ab 18 Jahren mit Festnetzanschluss. Sie gaben Auskunft zum erwarteten Nutzen von KI und automatisierten Dienstleistungen im Allgemeinen und spezifisch in den Branchen Finanz- und Bankwesen, Einzelhandel und Gesundheit. Fazit: 71 Prozent sorgen sich in Zusammenhang mit automatisierten Services in unterschiedlichem Umfang um ihre Daten. Dennoch würden 44 Prozent einem voll automatisierten Einkaufsservice für Lebensmittel vertrauen.

Autonome Autos und medizinische Videoberatung

41 Prozent würden einem voll automatisierten Fahrzeug vertrauen, 34 Prozent würden medizinische Videoberatung in Anspruch nehmen, aber nur 16 Prozent vertrauen der automatischen Finanzverwaltung. Nur sieben Prozent würden schließlich eine medizinische Diagnose vertrauenswürdig finden, die ausschließlich ein Algorithmus gestellt hat.

Chatbots im Einzelhandel sind relativ unbeliebt – 43 Prozent würden den Anbieter wechseln, wenn ein Chatbot statt eines Menschen mit ihnen spricht, zwei Drittel der Befragten würden dies tun, wenn ein Chatbot sich nicht einwandfrei verhält, 55 Prozent halten Chatbots für ein Sicherheitsrisiko und 40 Prozent meinen, sie hätten noch nie mit einem gesprochen – wobei dies möglicherweise ein Irrtum ist. Am wichtigsten sind Kunden noch immer die prompte Weiterleitung zum richtigen Ansprechpartner (96 Prozent), keine Wartezeiten (95 Prozent) und der Kontakt zu einer realen Person (90 Prozent).

Auch bei der Frage, inwieweit die Umfrageteilnehmer bereit wären, bestimmte Daten an Unternehmen und Dritte herauszugeben, um bessere Dienstleistungen zu erhalten, zeigten sich große Unterschiede je nach Datenart: Beispielsweise würden 32 Prozent ihren beruflichen Werdegang herausrücken, 23 Prozent ihren Standort, 22 Prozent Infos zu ihren Einkaufsgewohnheiten, immerhin 21 Prozent direkt medizinische Daten und 18 Prozent ihre Eingaben in Suchmaschinen. Nur sieben Prozent würden Kreditscorings, Bankverbindung etc. herausrücken, Daten aus mobilen Apps elf Prozent, Smartphonedaten wie die Anrufhistorie 13 Prozent, Daten zur eigenen Familie wie Familienstand oder Kinderzahl 15 Prozent und Social-Media-Daten 16 Prozent.

Einfluss auf das Gesundheitswesen

Rund die Hälfte (47 Prozent) glaubt, dass KI erheblichen Einfluss auf das Gesundheitswesen haben wird, doch wollen gleichzeitig 93 Prozent unbedingt weiter dem Arzt statt einem computerbasierten System trauen. Gleichzeitig glauben mehr als die Hälfte an eine individuellere Betreuung und schnellere Diagnosen. 60 Prozent würden Mobile Apps nützen, 53 Prozent sich von einem Roboter operieren lassen.

Groß ist die Skepsis gegen automatischen Service besonders bei Finanzdienstleistungen: 72 Prozent fürchten, dass sich Finanzservices durch weniger menschlichen Kontakt verschlechtern könnten, 51 Prozent fürchten, Daten könnten in falsche Hände geraten. Demgegenüber treten Vorteile wie verringerte Wartezeiten (44 Prozent) möglicherweise bessere Investmententscheidungen (acht Prozent) deutlich zurück.

Matthias Schorer, Lead Business Development Manager IoT, EMEA, VMware
Matthias Schorer, Lead Business Development Manager IoT, EMEA, VMware (Bild: VMware/Bitkom)

„Interessant ist daran, dass schon heute der Einsatz automatisierter Trading-Algorithmen die überwiegende Mehrzahl der Börsendeals ausmacht und der interne Bankbetrieb immer weiter automatisiert wird. Hier fehlt es anscheinend an Aufklärung“, merkte Matthias Schorer, Lead Business Development Manager IoT EMEA bei VMware, dazu an. Wolfgang Dorst, Bereichsleiter Industrial Internet, Bitkom e. V., ergänzte: „Viele Menschen, die meinen, sie würden keine automatisierten, Cloud-basierten Services nutzen, verwenden selbstverständlich die Bahn-App, die App ihres örtlichen Verkehrsanbieters oder die der Airline, auf der sie fliegen. Dabei sind dies automatisierte Services.“

Skepsis bei den 18- bis 29-Jährigen

Wolfgang Dorst, Bereichsleiter Industrial Internet, Bitkom
Wolfgang Dorst, Bereichsleiter Industrial Internet, Bitkom (Bild: VMware/Bitkom)

Immerhin ein Drittel sieht überhaupt keine Vorteile in automatisierten Dienstleistungen. Dabei vertrauen Menschen der mittleren Altersgruppe zwischen 30 und 49 Jahren voll automatisierten Services am meisten – kein Wunder, sie haben die euphorische Einführungsphase von Uber, Amazon und AirBNB erlebt. Aus dieser Altersgruppe sehen nur 21 Prozent keine Vorteile. Bei Nutzern zwischen 18 und 29 Jahren steigt die Skepsis erstaunlicherweise schon wieder an und liegt bei 30 Prozent. Das deutet darauf hin, dass durch das fleißige Nutzen von Technologie möglicherweise auch einige ihre Schattenseiten kennengelernt haben, beispielsweise wenn ein unbedachter Facebook-Post später zu Fragen beim Bewerbungsgespräch geführt hat oder ein Kredit von einem Algorithmus abgelehnt wurde, weil man in der falschen Gegend wohnt. Dass die Hälfte der Menschen über 65 in automatisierten Services keinen Vorteil sieht, verwundert dagegen nicht besonders – sie haben sie zu

Profi-Anwendungen selbstverständlich

Robert Andres, Manager IoT Strategie bei Eurotech
Robert Andres, Manager IoT Strategie bei Eurotech (Bild: Eurotech)

In professionellen Anwendungen dagegen sei die intelligente Automatisierung schon heute relativ selbstverständlich. „Unsere Technologie steuert beispielsweise viele Netze im Nahverkehr“, berichtete Robert Andres, Manager IoT Strategie bei Eurotech. Vorbeugende Wartung beispielsweise von Radlagern, damit es nicht zu unerwarteten Ausfällen am rollenden Material kommt, setze nun einmal voraus, dass man Sensoren dort anbringe und deren Daten umfassend analysiere. Damit auch die sichere Kommunikation mit der Cloud gewährleistet ist, integriert Eurotech seine Edge-Technologien jetzt mit den VMware-Komponenten Pulse für den VPN-Transport von Echtzeit-IoT-Daten und Liota für das IoT-Systemmanagement.

Auch bei der Gebäudeautomatisierung ist es ähnlich. Über dieses Thema berichtete Nico Langenkämper, Leiter Systemintegration bei Kieback&Peter GmbH, einem Spezialisten auf diesem Gebiet mit 90-jähriger Erfahrung. „Unsere Anwender wollen heute Gebäude, die sich dynamisch den jeweiligen Nutzern anpassen – das gehe nur mit Vernetzung aller steuerbaren Komponenten im Gebäude und der intelligenten Auswertung der von ihnen produzierten Daten in Zusammenhang mit den Daten ihrer Nutzer. „Wir stehen vor dem Problem, dass wir nun teils Jahrzehnte alte serielle Systeme für diese Technologie aufrüsten müssen“, berichtete er.

Eine weitere Herausforderung liege darin, dass man die richtigen Daten für die Auswertung aus der erzeugten Datenflut auswählen müsse. Für Sicherheit dagegen könne man sorgen, es sei denn, die Anwender funkten dazwischen. „Wenn der Hausmeister einer Schule einen Vodafone Cube ins Schulnetz hängt, damit er die Infrastruktur vom Smartphone und zu Hause aus verwalten kann, werden unsere Sicherheitsmechanismen unterlaufen“, sagte er. Da helfe nur Aufklärung.

Regulierung und Transparenz tun not

Prof. Christian Prehofer, Principal Scientist bei der gemeinnützigen Fortiss GmbH, angesiedelt an der TU München
Prof. Christian Prehofer, Principal Scientist bei der gemeinnützigen Fortiss GmbH, angesiedelt an der TU München (Bild: VMware/Bitkom)

Mit der sattsam bekannten Diskrepanz zwischen Einschätzungen und Verhalten der Endanwender befasste sich Prof. Christian Prehofer, Principal Scientist bei der gemeinnützigen Fortiss GmbH, angesiedelt an der TU München. „Einerseits werden massenweise intimste Daten bei Facebook veröffentlicht, andererseits ist man sehr sensibel beim Datenschutz.“

In der Diskussion kristallisierte sich heraus, dass viel von der Verunsicherung, die zu diesem Verhalten führt, von mangelnder Transparenz, beispielsweise beim Datenhandel, und mangelnder Regulierung herrührt. „In der Bauindustrie oder im Verkehr konnten sich über Jahrzehnte Regelwerke herausbilden, denen wir vertrauen, das Restrisiko akzeptieren wir wegen des hohen Nutzens der Technologie“, sagte Bitkom-Manager Dorst. „Die Phase der Regulierung für intelligente Algorithmen, automatisierte Services und die Verwendung von Daten und fängt jetzt erst an.“ Dabei sollten Regelwerke mindestens europaweit gelten.

Es wird also spannend zu beobachten, ob die im Mai 2018 in Kraft tretende Europäische Datenschutz-Grundverordnung oder auch die im Entstehen begriffene neue IEEE-Standardserie P7000 für Fragen rund um das ethische Design intelligenter Algorithmen und autonomer Systeme dem Vertrauen in die Technologie auch hierzulande allmählich auf die Füße hilft, ohne den Innovationsgeist zu ersticken.

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