Diskussionsrunde mit Avanade

Was tun, wenn die Roboter kommen?

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Nico Litzel

Künstliche Intelligenz, Cloud und Mobile werden zu umwälzenden Effekten auf dem Arbeitsmarkt führen.
Künstliche Intelligenz, Cloud und Mobile werden zu umwälzenden Effekten auf dem Arbeitsmarkt führen. (Bild: © zapp2photo – stock.adobe.com)

Roboter, intelligente Prozessautomatisierung und lernfähige Algorithmen verändern die Arbeitswelt radikal. Was das für Unternehmen und die Wirtschaft bedeutet, darüber diskutierten in den Räumen von Accenture drei Spezialisten.

Welche Auswirkungen haben das Internet der Dinge und intelligente Algorithmen, die selbstständige Entscheidungen treffen können, und der großflächige Einsatz von Robotern oder durchautomatisierten komplexen Prozessen (Robotic Process Automation)? Damit beschäftigte sich eine Veranstaltung von Avanade, einem IT-Service-Joint-Venture zwischen Microsoft und Accenture. Zum Gespräch geladen waren neben dem Soziologen Prof. Dr. Armin Nassehi, Universität München, Robert Gögele, Geschäftsführer von Avanade, und Dr. Holger Schmidt, ein Spezialist für Netzökonomie, der unter anderem an der TU Darmstadt lehrt und den Blog Netzökonom.de betreibt. Die Moderation übernahm Gabriel Wirth, Journalist beim Nachrichtensender B5.

Im Allgemeinen, darin waren sich die Experten einig, würden die umwälzenden Effekte des Zusammenwirkens zwischen Cloud, Mobile und intelligenten Algorithmen gerade hierzulande gravierend unterschätzt und daher zu langsam angegangen. Wohin die Reise geht, zeigen unter anderem Daten über Investitionsströme, die Netzökonom Schmidt präsentierte: Danach wird derzeit massiv in Maschinenlernen investiert.

Fünf bis sieben Milliarden US-Dollar steckten externe Investoren allein 2016 in Firmen, die sich mit diesem Thema befassen. Die Finanzindustrie investierte zwölf Prozent ihres gesamten Investitionskapitals in dieses Gebiet. Gögele: „Dort sind die zu erwartenden Veränderungen besonders durchgreifend.“ Auch die Hightechbranchen (zehn Prozent) nehmen bei dem Thema viel Geld in die Hand, die Automobilindustrie ist dagegen mit fünf Prozent noch sehr zurückhaltend.

Schneller Umstieg auf die Cloud

Gerade der schnelle Umstieg auf die Cloud sei wichtig, meinte Gögele, um nicht den Anschluss zu verlieren. Denn Applikationen wie Künstliche Intelligenz oder maschinelles Lernen funktionierten nur mit der Cloud, die die für Einzelunternehmen in der Regel viel zu teuren Rechenressourcen genau so lange wie erforderlich zur Verfügung stellen. Gögele: „Oft handelt es sich heute eher um kleine Anwendungen. Wir haben beispielsweise bei einem Projekt für einen großen bayerischen Automobilhersteller mithilfe der Analyse aller verfügbaren Daten herausgefunden, unter welchen Umständen genau Kurbelwellen kaputtgehen.“ Als die Ursache nach ein paar Tagen gefunden war, war das Projekt auch schon beendet – ein idealer Fall für den Einsatz von Cloud-Ressourcen.

Gögele: „Deutschland hängt bei Cloud zwei Jahre hinterher.“ Etwas besser sehe es beim Thema Robotik aus, denn diese sei nicht so stark mit der Cloud verknüpft – es sei denn, man reichere diese Technologie mit intelligenten Daten an, was wiederum nur zusammen mit der Cloud Sinn mache. „Das Grundproblem der hiesigen Industrien ist, dass sie langlebige Güter mit Innovationszyklen von oft zehn, fünfzehn oder noch mehr Jahren produziert.“ Daher rühre die Illusion, man habe noch Zeit, doch die könne leicht von Disruptoren wie Tesla oder jüngst auch Volvo (Abschied vom Verbrennungsmotor ab 2019) im Automotive-Bereich zerstört werden.

Sachbearbeitung ade?

Besonders heikel ist, dass durch die nun vor dem breiten Einsatz stehenden intelligenten Automatisierungstechnologien auch relativ anspruchsvolle Jobs, beispielsweise die gehobener Sachbearbeiter, in Gefahr geraten werden. Dagegen anzurennen sei zwecklos, meint Gögele. „Man kann hier 80 Prozent der Verwaltungskosten einsparen.“ Typische Beispiele, wo Robotic Process Automation einen Großteil der Arbeitsplätze vernichten könnte, sind etwa Post- und Mailbearbeitung, Kreditsachbearbeitung, die Bearbeitung von Versicherungsansprüchen einschließlich Betrugsvermeidung, Auftrags- oder Bestellabwicklung, Beschwerdemanagement und so weiter.

Auch bei Rechtsanwälten könnten intelligente Algorithmen fehleranfällige Fleißarbeiten wie das Studium von Verträgen auf Schwachstellen übernehmen. Dem Anwalt bliebe dann noch die Verhandlung mit dem Klienten darüber, ob man statt einer kritischen Formulierung vielleicht eine andere wählen solle. Menschliche Entscheidungen und der Diskurs, beispielsweise zwischen Berater und Kunde, seien zwar noch immer gefragt, doch erst am Ende einer Kette umfangreicher analytischer und organisatorischer Vorarbeiten, die sich allesamt automatisieren ließen. Auf diese Weise könnten nach Daten, die Schmidt präsentierte, 40 Prozent der Arbeitsplätze partiell wegfallen, was im Ergebnis den Wegfall von rund zwölf Prozent aller Vollzeitarbeitsplätze bedeuten könnte.

Gefahren für den gesellschaftlichen Frieden

Die digitale Wirtschaft bringt mehr hoch und mehr niedrig qualifizierte Jobs hervor. Mittlere Qualifikationsniveaus dagegen werden seltener verlangt.
Die digitale Wirtschaft bringt mehr hoch und mehr niedrig qualifizierte Jobs hervor. Mittlere Qualifikationsniveaus dagegen werden seltener verlangt. (Bild: Rüdiger)

Heikel für den gesellschaftlichen Frieden sei vor allem, dass in einer rundum vernetzten, durchautomatisierten Welt möglicherweise sehr viel mehr Menschen Arbeiten erledigten, etwa in der Pflege, die schlecht bezahlt werden, allerdings schwer maschinell ersetzbar sind. Gleichzeitig gebe es, da waren sie sowohl Nassehi als auch Schmidt und Gögele einig, einen steigenden Bedarf nach Hoch- und Höchstqualifizierten, die auf den leergefegten Märkten gute Entlohnung fordern könnten. Gögele: „Im Grunde brauchen wir Mittelschichten mit den Fähigkeiten der heutigen Oberschicht.“ Ob es tatsächlich ohne Weiteres möglich ist, heutige Sachbearbeiter mehrheitlich zu kreativen Denkarbeitern fortzubilden, ließen die Diskutanten offen.

Durch Robotik könne es übrigens durchaus sein, dass vermehrt Produktion nach Deutschland zurückkehre – allerdings hoch automatisiert und damit mit geringen positiven Arbeitsmarkteffekten. Gögele: „Adidas produziert jetzt wieder Schuhe in Deutschland, weil hier betriebene Roboter inzwischen billiger als chinesische Arbeitskräfte sind.“ Ein weiteres Beispiel: Im größten deutschen Rechenzentrum verwalten laut Gögele gut zwei Handvoll Mitarbeiter 700.000 Server.

Kreatives, rekombinatorisches Denken gefragt

„Leider sieht man nicht, welche neuen Jobs während der Digitalisierung entstehen“, betonte Nassehi. Klar sei aber, dass die Digitalisierung zur Verunsicherung weiter Kreise führe und auch viele eingeübte Verfahrensweisen, beispielsweise bei der Zurechnung von Innovationen oder der Erhebung von Steuern, in Frage stelle. „Bisher wurde Arbeit als Gestaltung von Rohstoffen verstanden – in Zukunft ist sie eher das Dirigieren digitaler Produktionsmittel.“

Steuerwesen und Bildung müssten sich anpassen – am besten global: In der Bildung sei statt sturen Auswendiglernens die Entwicklung kreativer Fähigkeiten erforderlich. Gefragt seien laut Nassehi „rekombinatorische Fähigkeiten“ statt Nachmachen.

„Wir brauchen im digitalen Zeitalter rekombinatorische Fähigkeiten und eine andere Besteuerungsgrundlage als den Arbeitslohn“, Prof. Dr. Armin Nassehi, Lehrstuhl für Soziologie, Universität München
„Wir brauchen im digitalen Zeitalter rekombinatorische Fähigkeiten und eine andere Besteuerungsgrundlage als den Arbeitslohn“, Prof. Dr. Armin Nassehi, Lehrstuhl für Soziologie, Universität München (Bild: Rüdiger)

Im Übrigen müsse, so Nassehi, die Steuererhebung von der Arbeitsleistung von Menschen ent- und an andere Faktoren angekoppelt werden, beispielsweise an durchgeführte Transaktionen, die Zahl der genutzten Roboter oder die erzielte Produktivität, was andererseits ein bedingungsloses Grundeinkommen nahelege – letztere Forderung erhob jüngst beispielsweise Marc Andreessen, Aufsichtsratsmitglied bei Facebook und Investor bei Twitter. Das erinnert stark an das Thema „Maschinensteuern“, mit dem Gewerkschaften schon vor einigen Jahrzehnten gegen erbitterten Widerstand der gesamten Industrie während der Automatisierungswelle der 60er- und 70er-Jahre versuchten, die Arbeitsplatzeffekte von Produktivitätsgewinnen durch Automatisierung aufzufangen und mit ihrem Anliegen scheiterten. Man darf gespannt sein, wie die Debatte unter digitalen Bedingungen ausgeht.

Insgesamt brachte die Veranstaltung wenig Neues, vor allem keine neuen Lösungen. Das zeigt nur, wie viel intensiver und breiter die weitreichenden Auswirkungen der Automatisierung durch intelligente Systeme und Algorithmen eigentlich diskutiert werden müssten.

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