Fünf Anwenderberichte vom Pentaho User Meeting 2017

Von Bosch bis zur Bundespolizei – Open Source für BI

| Autor / Redakteur: Stefan Müller* / Nico Litzel

Im inzwischen vierten Jahr hatten die Veranstalter IT-Novum und Pentaho die deutschsprachigen Pentaho-Anwender zum Erfahrungsaustausch und Kennenlernen eingeladen.
Im inzwischen vierten Jahr hatten die Veranstalter IT-Novum und Pentaho die deutschsprachigen Pentaho-Anwender zum Erfahrungsaustausch und Kennenlernen eingeladen. (Bild: IT-Novum)

Wer Business Intelligence sagt, muss inzwischen auch Open Source sagen. Das war eine zentrale Erkenntnis nach dem großen Pentaho User Meeting 2017, das im Februar in Frankfurt stattfand. Im inzwischen vierten Jahr hatten die Veranstalter IT-Novum und Pentaho die deutschsprachigen Pentaho-Anwender zum Erfahrungsaustausch und Kennenlernen eingeladen: zum #PUM17.

Auch in diesem Jahr stießen die Vorträge der Anwenderunternehmen der Open Source Business Intelligence Suite Pentaho wieder auf besonderes Interesse. Gaben sie doch die klare Antwort darauf, wie man Pentaho für die eigenen Bedürfnisse produktiv macht. Die Anwendervorträge berichteten von den Erfolgen, thematisierten aber ebenso die spezifischen Herausforderungen, die bei der Implementierung zu bewältigen waren. Fünf Vorträge, in denen die Anwender Bundespolizei, Eurofunk, Bosch, Stiwa und Compex die Erfahrungen aus ihren ganz unterschiedlichen Pentaho-Projekten darstellten, sind hier zusammengefasst.

1. Bundespolizei: Datenwaschmaschine und Data Warehouse

Die Bundespolizei deckt die „Polizeiliche Eingangsstatistik“ mit einem Pentaho-basierten Data Warehouse ab. Früher wurde die Statistik in circa 72 Excel-Sheets erfasst, in die jeder statistisch relevante polizeiliche Vorgang manuell eingetragen werden musste. Der Prozess: Die Dienststellen vor Ort erfassten die Daten und übersandten die Excel-Tabellen an die jeweilig übergeordneten Direktionen. Diese prüften die erfassten Daten, führten sie zusammen und leiteten sie an das Präsidium weiter. Das Präsidium wiederum prüfte die Daten nochmals und fasste sie bundesweit zusammen. Bis die Polizeiliche Eingangsstatistik auf diese Weise offiziellen Stellen zur Verfügung gestellt werden konnte, verging ein Monat.

Natürlich ist die Polizeiliche Eingangsstatistik kein Fahndungssystem, sondern eine reine Statistik zur Erstellung des aktuellen Lagebilds. Sie enthält keinerlei personenbezogene Daten, sondern nur Angaben zur Nationalität, Geschlecht, Einreisedatum, Herkunftsland etc. Dennoch musste die Bundespolizei die durchschnittlich drei bis vier Anfragen pro Tag – von Parlament, Polizeipräsidium, Bundesinnenministerium, EU oder Frontex – effizienter beantworten. Ebenfalls erforderlich war eine „Datenwaschmaschine“ zur Qualitätssicherung, da die angelieferten Daten aus den einzelnen Polizeiinspektionen immer etwas anders erhoben bzw. nicht vollständig waren, was ihre Vergleichbarkeit beeinträchtigte. Diese Anforderungen wurden bei der Bundespolizei mit Pentaho umgesetzt.

Wie Henry Liebrenz, Polizeihauptmeister bei der Bundespolizei, betonte, hat Pentaho den Vorteil, dass die Daten sauber aufbereitet werden und dadurch vergleichbar und auf Knopfdruck auswertbar sind. So hätte früher eine parlamentarische Anfrage über die Anzahl der Personen mit einer bestimmten Nationalität, die aus einem bestimmten Herkunftsland in einem bestimmten Zeitraum eingereist sind, mehrere Personen in der Behörde beschäftigt, die die Daten manuell zusammengetragen und in Excel eingepflegt hätten. Heute steht die entsprechende Auswertung schon nach wenigen Klicks zur Verfügung – und die Bundespolizei kann sie der anfragenden Stelle praktisch sofort, ohne Zeitverzug, übermitteln. Neben der viel höheren Geschwindigkeit macht sich auch die höhere Datenqualität positiv bemerkbar. Sie ist gerade vor dem Hintergrund der politischen Brisanz mancher Anfragen wichtig – die anfragenden (supra-)staatlichen Stellen brauchen verlässliche Daten.

2. Eurofunk: Pentaho im Einsatz bei Feuerwehr und Polizei

Ebenfalls in den Bereich der öffentlichen Sicherheit führte der Vortrag von Christian Repaski von Eurofunk Kappacher. Mit der Software von Eurofunk überwachen Leitstellen der Feuerwehr, Polizei oder Rettungsdienste unter anderem ihre gesetzlich festgesetzten Reaktionszeiten auf Notrufe. Als das österreichische Familienunternehmen 2015 sein Statistik- und Reporting-Tool neu entwickelte, entschied man sich, dies auf Basis von Pentaho zu tun. Dafür sprachen hauptsächlich zwei Gründe: Zum einen konnten in das Tool nicht nur Karten von Google eingebunden werden, sondern auch Kartendaten von Kunden (die oft über weitaus mehr Informationen verfügen als Google Maps). Zum anderen ließen sich mit Pentaho die umfangreichen Berechtigungen innerhalb einzelner Leitstellen abbilden – meistens sind mehrere Leitstellen miteinander vernetzt und greifen auf das gleiche System zu.

Wird ein Notruf abgesetzt, darf nur eine bestimmte Zeit verstreichen, bis die Rettungskräfte vor Ort eintreffen – je nach Land circa sieben bis zwölf Minuten. Relevante Fragen sind also: Wie lange dauert es, bis ein Anruf von einer Leitstelle angenommen wurde? Wie lange hat es von der Annahme des Notrufs bis zum Ausrücken gedauert? Um welche Einsätze handelte es sich dabei? Bei wie vielen Einsätzen wurde die Hilfsfrist überschritten? Aus den dazugehörigen Auswertungen können die Leitstellen gegebenenfalls Maßnahmen zur Optimierung ableiten, etwa für eine effizientere Planung von Einsatzkräften oder Dienststellenstandorten.

Eurofunk erstellt mit Pentaho Data Integration die Datenwürfel, auf die seine Kunden – mehrere tausend User – webgestützt für Reports und Analysen zugreifen. Da sich im Einsatzleitsystem sensible Daten befinden, ist es abgeschottet. Erst nach dem Abschluss eines Einsatzes werden die Daten in ein sogenanntes Verwaltungssystem übertragen und dort nachbearbeitet und ergänzt. Anschließend werden sie über den Data Integration Server in das Data Warehouse geladen, auf das die Eurofunk-Kunden zugreifen.

Als Hürden bei der Einführung von Pentaho nannte Christian Repaski die Auswahl der zu analysierenden Werte und die Festlegung der Datenwürfel. Aber bei Eurofunk Kappacher hat man auch schon weitere Pläne. Vorgesehen ist, in Zukunft auch noch Predictive-Analytics-Funktionen anzubieten – damit Leitstellen die Arbeit ihrer Einsatzkräfte besser planen können.

3. Bosch: Reporting für 1.500 Kundenprojekte

Rolf Petry von Bosch referierte, wie das Unternehmen Pentaho für das weltweite Kundenreporting im Bereich Bosch Service Solutions einsetzt.
Rolf Petry von Bosch referierte, wie das Unternehmen Pentaho für das weltweite Kundenreporting im Bereich Bosch Service Solutions einsetzt. (Bild: IT-Novum)

Die Robert Bosch GmbH setzt Pentaho für ihr weltweites Kundenreporting im Bereich Bosch Service Solutions ein: in dessen „Global Reporting System“. Zentrale Gründe für Pentaho waren, dass es sich um eine Standardsoftware handelt, deren Basissystem sich durch externe Dienstleister aufsetzen lässt, das dann aber eigene Mitarbeiter weiterentwickeln können. Zudem ließ sich Pentaho mit zahlreichen Quellsystemen verbinden und ohne Sicherheitsrisiken auch für externe Kunden öffnen. Kosteneffizienz und der Open-Source-Aspekt spielten bei der Entscheidung ebenfalls eine Rolle. Zudem wurde Pentaho bereits in anderen Unternehmensbereichen von Bosch eingesetzt, sodass sich Synergien nutzen ließen – etwa bereits vorhandene Erfahrungen beim Aufbau von Reports.

In seinem Global Reporting System pflegt Bosch Service Solutions heute circa 1.500 Kundenprojekte. Angebunden sind unterschiedlichste Datenquellen, darunter verschiedene Telefonanlagen, Zeiterfassungssysteme, E-Mail-Systeme, SAP-Systeme für die HR-Daten sowie einige externe Kundendatenbanken. Die Kennzahlen umfassen unter anderem eingegangene Anrufe, beantwortete Anrufe, Anrufe, bei denen der Kunde aufgelegt hat, sowie Umsatz, Kosten und Gewinn – tagesaktuell und je nach Projekt. Auch die Kunden von Bosch können auf das System und die Reports zugreifen. Mit Self-Service-Cubes können die Mitarbeiter eigenständig Analysen durchführen, ohne die IT hinzuziehen zu müssen. Dennoch wurde Excel nicht ganz abgeschafft: Zur Berechnung der verschiedenen Preismodelle nutzt Bosch eine Anbindung an Excel, sodass der Finanzbereich weiterhin in seiner gewohnten Umgebung arbeiten kann. Wie Rolf Petry betonte, sind die Kollegen so in der Lage, ihre Preismodelle eigenständig zu erstellen. Die IT muss nicht tätig werden, solange diese Varianten auf dem Grundmodell basieren. Dadurch kann Bosch Service Solutions heute mit zehn Grundmodellen Hunderte Preismodellvarianten abbilden.

4. Stiwa: Pentaho als Analysesoftware für Produktionsanlagen

Einen spannenden Use Case aus dem Industrie-4.0-Kontext präsentierten Alexander Meisinger und Werner Fragner von der Stiwa Group, ein österreichischer Konzern, der sich auf Produkt- und Hochleistungsautomation spezialisiert hat. Ihre Analysesoftware „AMS Analysis-CI“ für Montageanlagen basiert auf dem OLAP-Viewer Pentaho Analyzer und der Datenvisualisierungslösung Mondrian. Damit macht Stiwa eine Problemidentifizierung bis zum Einzel-Messwert in Produktionsanlagen möglich. Wie beide Referenten betonten: Ohne Pentaho und die Erweiterbarkeit mit anderen Analysetools wäre es sehr schwer gewesen, die neue Lösung zu erstellen.

Die Analysesoftware ist in der Lage, die in vielen Produktionsanlagen verborgenen Daten messbar zu machen und dadurch noch ungenutzte Optimierungspotenziale zu erkennen. Das Ziel: alle verfügbaren Signale und Daten erfassen, verarbeiten und vernetzen. So lassen sich um bis zu 30 Prozent kürzere Hochlaufzeiten bei der Inbetriebnahme neuer Anlagen erzielen, und die Gesamtanlageneffektivität wird um bis zu 15 Prozent verbessert. Die interaktiven AMS Dashboards, die auf dem Pentaho Analyzer basieren, nehmen den Anwender bei der Hand, indem sie mit ihm zur Problemidentifizierung immer tiefer in die Auswertungen eindringen. Ein Ausgangspunkt ist die Kennzahl der Overall Equipment Effectiveness (OEE) – die dann immer weiter aufgelöst wird, um die Ursachen für ein Problem einzugrenzen. So lässt sich gut entscheiden, ob mit der Lösung des Problems die Instandhaltung, die Prozesstechnik oder die Logistik beauftragt werden sollte. Last but not least führt die neue Software die früher getrennten Sichten aus dem Anlagenbau und dem Anlagenbetrieb zusammen und gestattet integrierte Gesamtauswertungen. Da die Datenmenge in der Automotive-Branche sehr umfangreich werden kann – Stichwort: Traceability – und die Datenvorhaltezeit mindestens 15 Jahre beträgt, hat Stiwa den Pentaho Analyzer noch um Mondrian, die OLAP-Java-Anwendung aus dem Pentaho-Kosmos, erweitert, was die Datenvolumina auswertbar macht. So ist es Stiwa unter Verwendung von Pentaho und Mondrian gelungen, mit seinem AMS Analysis-CI das Standardprodukt für technische Analysen in der diskreten Produktion zu schaffen.

5. Compex: Neue Web-Applikationen auf Knopfdruck

Christophe Loetz, Geschäftsführer der Compex Systemhaus GmbH, stellte die Softwareentwicklungsumgebung OS.bee vor.
Christophe Loetz, Geschäftsführer der Compex Systemhaus GmbH, stellte die Softwareentwicklungsumgebung OS.bee vor. (Bild: IT-Novum)

Ein weiteres Beispiel dafür, wie Mondrian in Gestalt einer Embedded-Applikation nutzbar wird, stammte von der Compex Systemhaus GmbH aus Heidelberg. Geschäftsführer Christophe Loetz stellte die Softwareentwicklungsumgebung OS.bee vor, mit der sich Web-Applikationen schnell und einfach erstellen lassen. OS.bee wird derzeit als Open-Source-Projekt bei der Eclipse Foundation unter dem Namen Open Standard Business Plattform (OSBP) veröffentlicht. OS.bee basiert auf dem Eclipse Modeling Framework, verschiedenen domänenspezifischen Sprachen sowie einem Technologie-Stack, der etwa 30 Frameworks umfasst. Durch den Einsatz von Mondrian als OLAP-Engine enthalten die Web-Applikationen, die mit OS.bee geschaffen werden, ein Analysetool, mit dem Datenauswertungen in Echtzeit möglich sind.

Fazit

Wenn das Pentaho User Meeting 2017 eines verdeutlicht hat, dann dies: Open-Source-Plattformen erobern sich mehr und mehr auch das Feld der Business Intelligence. Für eine BI-Suite wie Pentaho spricht dabei nicht nur, dass die Kosten niedrig sind – oft sind die immense Flexibilität und die prinzipbedingte Offenheit noch wichtigere Gründe. Nicht zufällig berichteten viele Anwender von ihren Embedded-Lösungen, die unter Verwendung von Pentaho entstanden sind. Fest steht: Bedarfsgerechter und flexibler als auf Grundlage einer Open-Source-Plattform lässt sich die eigene Business-Intelligence-Lösung kaum realisieren. Das belegt die lange Liste namhafter Pentaho-Anwender, ob sie Bosch, STIWA oder Bundespolizei heißen.

* Stefan Müller ist Director Business Intelligence & Big Data bei IT-Novum

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 44575602 / Best Practices)