Geschäftsmodelle mit Satellitendaten

Software AG sucht Daten-Start-ups

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Nico Litzel

Thomas Reiter berichtete auf der Cebit über seine Arbeit auf der Raumstation Columbus im Jahr 2006.
Thomas Reiter berichtete auf der Cebit über seine Arbeit auf der Raumstation Columbus im Jahr 2006. (Bild: Rüdiger)

Was tun mit Satellitendaten? Ein auf der Cebit ausgerufener Wettbewerb soll Start-ups ermuntern, aus der Auswertung und Nutzung dieser Daten sinnvolle Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Gleich zwei publikumsträchtige Zugpferde konnte die Software AG auf der Cebit mobilisieren: Brigitte Zypries, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, und den ersten deutschen Astronauten, Thomas Reiter, der insgesamt ein Jahr in Raumstationen auf Erdumlaufbahn verbrachte. „Start-ups gehören für mich auf der Cebit immer zu den besonderen Highlights“, sagte die Ministerin. Gerade der Bereich Satelliten- und Raumfahrtdaten sei als Grundlage für neue Geschäftsmodelle vielversprechend; man habe in der letzten Zeit auf diesem Gebiet deshalb bereits drei Projekte mit und für Start-ups mitorganisiert. „Daraus sind inzwischen zum Teil tolle Projekte entstanden, etwa bei Airbus“, sagte Zypries.

Brigitte Zypries, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, unterstützt den Start-up-Wettbewerb „Space 4.0 – From Space to Business“.
Brigitte Zypries, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, unterstützt den Start-up-Wettbewerb „Space 4.0 – From Space to Business“. (Bild: Rüdiger)

Beim auf der Cebit ausgerufenen Wettbewerb „Space 4.0 – From Space to Business“ wirken mehrere Akteure zusammen: Die ESA beziehungsweise die von ihr betriebenen Satelliten liefern die Satelliten-Rohdaten. Die Software AG arbeitet diese Rohdaten auf und stellt Tools zu deren weiteren Verarbeitung kostenlos bereit. Schon heute zahlen Interessierte für Satellitendaten nichts – sie werden als Open Data frei verfügbar gemacht. Das geschieht über einen Open Data Hub, von dem bisher 22,4 Petabyte Daten heruntergeladen wurden.

Siebenfach schnellere Auflösung von Daten

„In den vergangenen Jahren hat sich die Auflösungsgeschwindigkeit von Daten versiebenfacht, sodass die bisherige prozessorientierte Datenverarbeitungsmethoden an ihre Grenzen stoßen. Statt dessen bricht das Zeitalter der analytischen Datenverarbeitung an, bei der Muster in großen Datenmassen erkannt, mit Referenzen verglichen und dann in neuartige Schlussfolgerungen umgesetzt werden“, erklärte Karl-Heinz Streibich, Vorstandsvorsitzender der Software AG. Nun müssten Ideen her, die sich diese neuen technologischen Möglichkeiten zunutze machten.

Streibich betonte, die Beteiligung Space 4.0 stehe in einer längeren Tradition der Software AG, Start-ups zu fördern. So stelle man rund 1.000 Universitäten weltweit kostenlos Software zur Verfügung und habe in Deutschland in rund 30, im Silicon Valley in vier Start-ups investiert. Zudem habe man innerhalb von acht Jahren 15 junge Firmen aufgekauft, um das eigene Portfolio abzurunden. Den beiden Start-ups, die als Sieger aus Space 4.0 hervorgehen, spendiert die Software AG eine Woche im Silicon Valley.

Ein weiterer Beteiligter am Wettbewerb ist der FabSpace der TU Darmstadt und dessen Betreiber Cesah GmbH. Repräsentiert wurden auf der Cebit-Veranstaltung beide durch Sascha Heising. In Europa gibt es insgesamt sechs Labore für Erdbeobachtung wie den Darmstädter FabSpace. „Wir zielen auf Menschen, die sich überlegen, vielleicht eine Firma zu gründen, aber noch nicht in der Gründungsphase sind. Zu uns kann jeder kommen, der mit Satellitendaten arbeiten, experimentieren und auf diese Daten gestützte Geschäftsmodelle entwickeln will“, erklärte Heising. Jeder bekomme dafür freien Webspace. Wer eine erfolgversprechende Idee entwickle, dem stehe unter Umständen der Weg ins Incubation-Center der europäischen Raumfahrtagentur ESA offen. Der FabSpace veranstaltet immer wieder Hackathons oder Start-up-Wochen. Deren erfolgreichste Teilnehmer qualifizieren sich für ein Bootcamp, wo dann sowohl ihre technische Idee als auch das damit verbundene Geschäftsmodell gründlich auf Herz und Nieren geprüft werden. „Technik allein reicht niemals aus, um zu gründen, es muss immer auch ein funktionierendes Geschäftsmodell dahinter stehen“, betont Heising.

Satellitendaten für die Landwirtschaft 4.0

Karl-Heinz Streibich, Vorstandsvorsitzender Software AG (2. v. l.), Sascha Heising, FabSpace/Cesah GmbH (Mitte) und Lionel Born, Chief Strategy Officer Spacenus GmbH (2. v. r.), im Gespräch über Start-up-Förderung mit Thomas Reiter (ganz links) und Byung-Hun Park, Head of Corporate Communications, Software AG (ganz rechts).
Karl-Heinz Streibich, Vorstandsvorsitzender Software AG (2. v. l.), Sascha Heising, FabSpace/Cesah GmbH (Mitte) und Lionel Born, Chief Strategy Officer Spacenus GmbH (2. v. r.), im Gespräch über Start-up-Förderung mit Thomas Reiter (ganz links) und Byung-Hun Park, Head of Corporate Communications, Software AG (ganz rechts). (Bild: Rüdiger)

Als Beispiel für ein Start-up, das aus dem FabSpace hervorgegangen ist und mit Erdbeobachtungsdaten arbeitet, präsentierte sich die Spacenus GmbH. Die Ende 2015 gegründete Jungfirma arbeitet an einer App für die Landwirtschaft, die aus der Analyse entsprechender Erdbeobachtungs-Daten mittels neuartiger lernfähiger Algorithmen Hinweise über die jeweils lokal nötige Düngermenge, Bewässerung und andere Parameter entwickelt. „Gerade in Ländern des Südens ist das Geld für Dünger oft knapp und darf nicht sinnlos verschwendet werden. Wir wollen helfen, die Ernährung für die neun Milliarden Menschen, die 2050 möglicherweise auf der Erde leben werden, sicherzustellen“, erklärte Lionel Born, Chefstratege von Spacenus. Schon im Juni des laufenden Jahres soll die App fertig sein.

„Wir wollen, dass Raumfahrt und Gesellschaft näher zueinander rücken“, betonte Ex-Astronaut Reiter, der heute als Chefberater des Generaldirektors der ESA arbeitet. Schließlich gehe es bei den heutigen Raumfahrtaktivitäten nicht in erster Linie um Science-Fiction-artige Projekte, sondern um handfesten, auf der Erde umsetzbaren Fortschritt. So habe man mithilfe von Erkenntnissen aus Versuchen in der Raumstation beispielsweise neue Verfahren zur Desinfektion oder eine neue Legierung aus Titan und Aluminium entwickelt, aus der sich leichtere Turbinen bauen lassen. Auch neuartige Atomuhren, die die Zeitmessung um eine Größenordnung genauer machen könnten, erforscht man auf der Raumstation. Letzteres ist besonders für die exakte Navigation mit Satellitendaten nötig.

Reiter hält es auch für wünschenswert, den Weltraum-Tourismus anzukurbeln. „Je mehr Menschen einmal aus dieser Perspektive gesehen haben, wie klein und zerbrechlich unser blauer Planet vor der unendlichen Schwärze des Weltraums wirkt, desto mehr Menschen werden möglicherweise vieles, worum heute erbittert gestritten wird, nicht mehr so wichtig finden“, meint er optimistisch. Die Raumfahrt und die durch sie generierten Daten könnten der Gesellschaft zudem als Erkenntnisquelle und Inspiration dienen – zum Beispiel für neue Geschäftsideen, wie sie im Rahmen von Space 4.0 ausgebrütet werden sollen.

Bis Juni sind Bewerbungen für den Wettbewerb möglich, im November ist ein Bootcamp mit einer Vorauswahl vielversprechender Start-ups in Darmstadt geplant. Auf der Cebit 2018 sollen dann die Sieger des Wettbewerbs präsentiert werden.

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