Deloitte-Studie

Nur 20 Prozent vermuten neue Umsatzpotenziale durch Analytics

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Nico Litzel

Der Einsatz von Datenanalysen hat, so die Studienteilnehmer, innerhalb der vergangenen fünf Jahre deutlich zugenommen. Allerdings erwarten nur 20 Prozent der befragten Unternehmen neue Umsätze durch die Monetarisierung von Daten.
Der Einsatz von Datenanalysen hat, so die Studienteilnehmer, innerhalb der vergangenen fünf Jahre deutlich zugenommen. Allerdings erwarten nur 20 Prozent der befragten Unternehmen neue Umsätze durch die Monetarisierung von Daten. (Bild: © Minerva-Studio – Fotolia.com)

Während die IT-Industrie Big Data Analytics als unverzichtbares Werkzeug für die Schöpfung bisher nicht realisierter Mehrwerte propagiert, sind die Anwender zumindest in Deutschland zögerlich. Spezialisierte Analytics-Fachleute sind dünn gesät, meist greifen Unternehmen auf Wirtschaftswissenschaftler zurück.

Das Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Deloitte beschäftigt sich schon seit geraumer Zeit unter dem Oberthema „Datenland Deutschland“ mit einer Studienreihe. Bisher wurden erstens die Präferenzen der Konsumenten hinsichtlich ihrer Privatsphäre und Datenschutz untersucht, zweitens die Unterschiede zwischen den Generationen hinsichtlich ihrer Online-Mediennutzung und Privatsphäre analysiert und drittens die Bedürfnisse von Konsumenten im Bereich Connected Car evaluiert.

Nun, in der vierten Studie dieser Untersuchungsreihe, geht es um ein unternehmensrelevantes Thema: Wo setzen Großunternehmen heute Datenanalysen ein, wie sind Analysespezialisten organisatorisch eingebunden und welche Qualifikationen haben die Mitarbeiter, die Analytics-Aufgaben erledigen? Befragt wurden Unternehmen mit einem Umsatz über 100 Millionen Euro. 291 Unternehmen nahmen teil, befragt wurden das mittlere und das Top-Management aus den Bereichen IT, Finanzen, HR, Einkauf, Marketing und Vertrieb.

Analytics-Methoden werden öfter und intensiver genutzt

Der Einsatz von Datenanalysen hat, so meinen 56 Prozent der Befragten, innerhalb der vergangenen fünf Jahre deutlich zugenommen. Wichtigste Anwendungsgebiete sind die Bereiche, in denen schon immer viel mit Daten gearbeitet wird wie Finanzen und IT. Dort gaben 79 Prozent (Finanzen) beziehungsweise 70 Prozent (IT) an, mehr mit Datenanalysen zu arbeiten. Im Finanzbereich sind Datenanalysen bei 45 Prozent der Respondenten die primäre Entscheidungsgrundlage, in der IT bei 31 Prozent.

Die Gründe liegen auf der Hand: Im IT-Bereich versucht man, durch datengetriebene Automatisierung die dünne Personaldecke effektiver einzusetzen, im Finanzwesen sind Scoring und Rating schon lange üblich – nun werden sie durch Datenanalysen unterstützt, genau wie im Versicherungsbereich etwa die Betrugsverhinderung.

Im HR-Bereich dagegen, mit nur 8 Prozent datengetriebener Entscheidungen das Schlusslicht der untersuchten Unternehmensbereiche, setzt man anscheinend auch wegen strenger Datenschutzbestimmungen lieber auf den Augenschein, als sich die geeignetsten Bewerber oder Bewerberinnen automatisch auswählen oder den besten Weiterbildungsplan algorithmisch entwickeln zu lassen.

Davon, dass fleißiges Datenanalysieren klare Wettbewerbsvorteile verschafft, ist keineswegs jeder überzeugt, nur knapp ein Drittel stimmt dieser Aussage zu. Die meisten Befragten (45 Prozent) wollen diese optimistische Aussage nur teilweise gutheißen. Komplett dagegen sind allerdings nur drei Prozent.

Data Analytics soll bessere Entscheidungen bewirken

In erster Linie erwarten die Anwender von Data Analytics bessere Entscheidungen (54 Prozent). 38 Prozent gehen davon aus, dass ein vermehrter Einsatz von innovativen Datenanalysen zu neuen Formen der Arbeitsorganisation führen wird. Nur erstaunliche 20 Prozent erwarten neue Umsätze durch die Monetarisierung der Daten. Möglicherweise steckt dahinter der Gedanke, dass eine Methode, die bald jeder einsetzt, keinem mehr einen besonderen Vorteil bringt.

Fraglich ist, ob man den Datenbefund als wohltuenden Realismus oder als Fantasielosigkeit deuten soll. Dass Arbeitskräfte durch Data Analytics verschwinden, vermuten übrigens nur 19 Prozent der Befragten, was in bemerkenswertem Gegensatz zu den jüngsten weit höher angesetzten Schätzungen US-amerikanischer Wissenschaftler steht. Nur 10 Prozent der Befragten halten Analytics-Methoden für ihr Unternehmen für irrelevant.

Für die Bereiche IT, Finanzen, Marketing, Vertrieb, Personal und Einkauf vermuten die Befragten in den nächsten fünf Jahren einen gewissen Mehrbedarf an Analytics-Spezialisten. Am deutlichsten fällt diese Einschätzung mit 84 Prozent Nennungen für die IT aus. „Das könnte daran liegen, dass sich die IT derzeit einen Kompetenzwettstreit mit den Fachabteilungen hinsichtlich des besten Analytics-Know-how liefert“, erklärt Dr. Alexander Börsch, Leiter Research bei Deloitte Deutschland.

Nachdem die bisher getätigten Investitionen vor allem in Software und Infrastruktur (58 respektive 57 Prozent der Nennungen) geflossen sind, werden nun geeignete Kräfte gesucht, die mit dieser Infrastruktur auch etwas anfangen können: 27 Prozent der Befragten wollen zukünftig darin investieren, Mitarbeiter zu Analysten weiterzubilden, 26 Prozent wollen Analysten akquirieren. Daneben steht eine weitere Gruppe (26 Prozent), die, statt weiter Geld in Hard- und Software sowie Weiterbildung zu pumpen, lieber Analytics-Dienstleistungen einkaufen möchte. Auch Forschungsprojekte mit Universitäten sind als Investitionsobjekt beliebt (23 Prozent).

Optimale organisatorische Einbindung von Analytics noch unklar

Organisatorisch hat sich noch kein Standardmodell herausgeschält, nach dem Analytics im Unternehmen verankert werden soll. Gefragt wurde nach derzeit verwendeten und Wunschmodellen. Deutlich wird hier eine gewisse Ratlosigkeit bei den Anwendern: Jedes der derzeit verwendeten Modelle wird seltener als Wunschmodell betrachtet als es heute eingesetzt wird. Recht deutlich wird, dass weder die Zuordnung von Analytics-Spezialisten zu den Fachabteilungen noch zur IT-Abteilung die gewünschten Resultate bringt.

Das gilt sogar für die IT-Manager: Nur 16 Prozent sehen in Analytikern in der eigenen Abteilung das Wunschmodell. Am ehesten hat sich derzeit noch das zentrale Analytics-Center-of-Excellence bewährt, auch die Modelle Freelancing und Leiharbeit haben ihre Nutzer anscheinend nur selten enttäuscht, wobei sie aber seltener eingesetzt werden als die gängigsten Organisationslösungen (siehe Grafik). Wenig verwunderlich bei dieser Sachlage, wünschen sich die Teilnehmer neben höheren Investitionen in Analytics vor allem die bessere organisatorische Einbindung der Analytics-Funktionen (jeweils 36 Prozent).

Entgegen den Alarmrufen aus der IT- und Weiterbildungsbranche betrachten es die Unternehmen offensichtlich nicht als besonders schwierig, geeignete Aspiranten für Stellen mit Analytics-Anteil zu finden. Als schwierig oder sehr schwierig stuften die Personalfindung für Analytics meist 22 bis 25 Prozent ein. Lediglich im IT-Bereich, wo gut ausgebildete Kräfte notorisch knapp sind, fanden 36 Prozent die Suche nach passenden Analysten schwierig oder sehr schwierig.

Das mag auch daran liegen, dass die Unternehmen zu knapp 60 Prozent Absolventen der Wirtschaftswissenschaften mit quantitativer Ausrichtung suchen. Nur 40 Prozent fahnden besonders nach naturwissenschaftlichen Absolventen. Erstaunliche 27 Prozent gaben an, nicht zu wissen, nach welcher Qualifikation sie suchen sollten.

Ruf nach Studiengängen und Weiterbildungsangeboten

Man kann als Grund für die Fokussierung auf Wirtschaftswissenschaftler zweierlei vermuten: Einmal gesunden Menschenverstand, der davon ausgeht, dass auf den heutigen Personalmärkten nun einmal weit mehr gute Wirtschaftswissenschaftler mit Zusatz-Know-how zu finden sind und dass sich diese auch billiger einkaufen lassen als hochqualifizierte Naturwissenschaftler. Darauf deutet auch hin, dass 47 Prozent der Befragten den Aufbau spezialisierter Studiengänge fordern, 42 Prozent eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen Universität und Unternehmen und 40 Prozent den Auf- und Ausbau spezialisierter Weiterbildungsangebote.

Denkbar und von Deloitte als Interpretation angeboten wird aber ein qualifikationsbezogener Konservativismus, der die besonderen Chancen von Analytics, die sich aus fantasiereicheren Modellen oder neuartigen Algorithmen ergeben könnten, schlicht verschenkt. Letztere Verfahren nämlich sind die Domäne naturwissenschaftlich-analytisch ausgebildeter Spezialisten. Zu konservativ oder nur bauernschlau – verstanden haben die Befragten auf jeden Fall, wie wichtig das Verständnis des jeweiligen Geschäftsmodells des Unternehmens für sinnvolle Analysen ist. Nach den funktionalen Fähigkeiten Analyse und Statistik taucht dieses Thema mit 47 Prozent Nennungen auf Platz drei der benötigten Qualifikationen auf.

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