Kommentar von Jan Rodig, Tresmo

Der Einfluss des IoT auf die Wertschöpfungskette

| Autor / Redakteur: Jan Rodig / Nico Litzel

Der Autor: Jan Rodig ist CEO von Tresmo
Der Autor: Jan Rodig ist CEO von Tresmo (Bild: Tresmo)

Die Erwartungen an das Internet der Dinge sind groß. Nicht nur rechnen Industrieunternehmen damit, Kosten einzusparen und sich mit der Erstellung und Wartung intelligenter, vernetzter Produkte gegenüber Wettbewerbern abzugrenzen. Das Internet of Things hat insbesondere auch das Potenzial, neue Geschäftsmodelle zu ermöglichen.

Eingangslogistik, Produktion, Ausgangslogistik, Marketing und Vertrieb, Support und Serviceleistungen bilden die klassische Wertschöpfungskette eines Industrieunternehmens. Alle diese Aktivitäten profitieren von einer optimierten Koordination, Überwachung und Auswertung gesammelter Daten. Einige Bereiche werden sich sogar signifikant verändern. Ein Überblick:

Logistik

Aufgrund der zunehmenden Vernetzung der Lieferkette und somit auch der bisher nicht als „smart“ klassifizierten Güter und Transportvehikel, kann die Logistik leichter und kosteneffizienter als früher koordiniert, überwacht und optimiert werden. Fuhrparkmanager können so die Routen der Fahrzeuge mittels GPS-Tracking besser nachvollziehen und koordinieren. Neuartige Lagerbestandsverwaltung und Lieferdrohnen sind weitere Gebiete, die das Potenzial haben, die Basis für völlig neue Geschäftsmodelle zu legen.

Vieles spricht dafür, dass dadurch das Outsourcing an spezialisierte Logistikdienstleister weiter zunimmt, insbesondere in der Industrie. Beispielsweise vermindert die digitale Sendungsverfolgung mithilfe durchgängiger Erfassungsmöglichkeiten entlang der gesamten Lieferkette (bspw. durch Sensorik im Ladegefäß und Telematik) das wahrgenommene Qualitätsrisiko bei den Verladern und macht die Leistung der Dienstleister transparenter. Durch die größere Transparenz über die Leistungserstellung bei den Dienstleistern treten auch andere komparative Vorteile verstärkt in den Vordergrund, insbesondere bessere Bündelungsmöglichkeiten und damit eine höhere Transportauslastung sowie Kostenvorteile bei größeren Dienstleister-Netzwerken.

Bislang hat jedoch die hohe Schnittstellenkomplexität der Logistikkette und die enorme Vielfalt unternehmensspezifischer Be- und Entladevorgänge die Herausbildung erfolgreicher Marktplätze à la Uber für Lkws gebremst, wenngleich diese Segment mittlerweile schon viele Start-ups angezogen hat.

Produktion

Eng verknüpft mit der Logistik erfährt auch die Produktion bereits seit einigen Jahren zunehmende Vernetzung mit dem Ziel einer verbesserten Produktionsplanung und -steuerung (Industrie 4.0). Einfachere IoT Use Cases in diesem Bereich fokussieren sich auf die Erfassung und Auswertung der Sensordaten einzelner Maschinen und Geräte, beispielsweise Condition Monitoring (regelmäßige Erfassung physikalischer Daten zum Zustand der Maschine oder Anlage) oder Predictive Maintenance (vorausschauende Wartung auf Basis laufend erfasster Daten).

Deutlich komplexer wird es, wenn komplette Produktionsanlagen vernetzt und datenbasiert optimiert oder sogar automatisiert werden sollen – bislang scheitert dies jedoch oft noch an den vielen unterschiedlichen Datenstandards der Maschinen- und Anlagenbauer. Damit geht auch eine zunehmende Dezentralisierung der Produktionssteuerung einher, bei der die einzelnen Maschinen direkt miteinander kommunizieren und damit zentralistische Strukturen obsolet werden. So kann die Produktion kundenindividueller Güter (Losgröße 1) auf bei komplexeren Produkten effizient realisiert werden („Mass Customization“).

Während dies in einigen Branchen über kurz oder lang zur vollständigen Automatisierung der Produktion führen wird, trifft dies längst nicht auf alle Branchen zu. Insbesondere in kleineren Produktionsbetrieben mit hoher Produktvielfalt und -komplexität werden sich aus unserer Sicht IoT-unterstützte, kleine autonome Fertigungszellen durchsetzen, die auf Basis von Fertigungsdaten eigenverantwortlich und flexibel ihre Produktion und Logistik organisieren. Dort wird die Rolle des Mitarbeiters sogar stark aufgewertet, da er selbst zum steuernden Element in einem hybriden System aus Mensch und Maschine wird, unterstützt von cyberphysischen Assistenzsystemen. Wie dies beispielsweise für die Möbelindustrie aussehen kann, untersucht gegenwärtig das von uns unterstützte und der Hochschule Rosenheim initiierte Forschungsvorhaben proto_lab.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass der Anteil der Produktion an der Gesamtwertschöpfung in den meisten Industriebranchen sinken wird – zugunsten Software-basierter Dienstleistungen rund um das Kernprodukt. Weiterhin wird die Produktion durch den zunehmenden Einsatz additiver Fertigungsverfahren dramatische Umwälzungen erleben – die Herstellung vieler Güter verlagert sich an den Ort ihrer Nutzung, die bisherigen Hersteller verkaufen verstärkt Daten und digitale Zusatzdienste.

Marketing und Vertrieb

Einer der Kernaspekte des IoT ist die Gewinnung und Auswertung gesammelter Daten – zum Produkt selbst, zur Produktnutzung durch den Kunden und teilweise auch zu weiteren Aspekten wie beispielsweise dem Kundenverhalten (Location usw.). Unternehmen die aus diesen Daten werthaltige Erkenntnisse generieren, werden damit zukünftig wichtige Wettbewerbsvorteile schaffen. So können Kunden deutlich differenzierter und personalisierter als bisher angesprochen werden, beispielsweise hinsichtlich Verkäufen von Wartungsmaßnahmen, Ersatzteilen oder Betriebsstoffen. Händler können auf Basis von IoT-Technologien Ansätze wie bspw. A/B-Testing in ihren Filialen realisieren und Kundenströme besser verstehen. Und Ansätze wie bspw. der Amazon Dash Button verändern die Customer Journey von Kunden auch in Bereichen, die bislang für digitale Ansätze noch zugänglich waren.

Serviceleistungen

Die tief greifendste Veränderung im Sinne einer Aufwertung erwarten Servicefunktionen. Traditionelle „Hardware“-Hersteller können in genau diesem Bereich weitere Umsatzpotenziale eröffnen. So können Kaffeemaschinenhersteller mittels vernetzter Produkte beispielsweise Unternehmenskunden die automatische Wartung oder die Nachlieferung von Kaffee anbieten. Viele Hersteller werden damit zum Software-driven Unternehmen oder schaffen gar digitale Plattformen bzw. Ökosysteme: Sie verzahnen ihre Produkte und Services so tiefgreifend miteinander, dass sie den gesamten Kundenlebenszyklus abdecken.

Ein Beispiel dafür ist ein Agrar-Ökosystem eines Landwirtschaftsmaschinen-Herstellers: Bislang verkaufte er seinen Kunden (Landwirten) Traktoren, Mähdrescher und Pflanzmaschinen. Durch die Vernetzung der Maschinen und die Einführung einer übergreifenden, cloudbasierten Service-Plattform können diese vorausschauend gewartet und Aussaat- sowie Ernteprozesse aufeinander abgestimmt und optimiert werden – ein enormer zusätzlicher Mehrwert für den Landwirt. Indem der Hersteller die Plattform für Drittanbieter öffnet, kann dieser noch einmal erheblich gesteigert werden, denn nun können auch Bewässerungssensoren, Wetter-Apps und vieles mehr mit den eigenen Produkten vernetzt werden und bieten den Kunden damit einen bislang ungekannten Mehrwert.

Neue Potenziale bis hin zu sekundären Unternehmensaktivitäten

Neben den primären Unternehmensaktivitäten kann das IoT ebenfalls enormen Einfluss auf sekundäre Aktivitäten haben (denken wir nur an smarte Jalousien, Beleuchtungen und Heizungen in Bürogebäuden), wenngleich in diesen Bereichen in der Regel keine Geschäftsmodellinnovationen stattfinden. Eine Ausnahme bildet der Bereich Forschung & Entwicklung, der auf Basis realer Nutzungsdaten mittlerweile deutlich effektivere Mittel für Produktverbesserungen und -Neuentwicklungen hat, als das in der Vergangenheit der Fall war.

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