Digitale Rechte aus US-Perspektive

Buchrezension – Andreas Weigend „Data for the People“

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Nico Litzel

Andreas Weigend: Data for the People. Wie wir die Macht über unsere Daten zurückerobern. Murmann Publishers, Hamburg, 2017, 352 Seiten, ausführliches Stichwortverzeichnis. Gebunden ISBN 978-3-86774-568-0, 26,99 €, eBook EAN 9783867745697, 18,99 Euro
Andreas Weigend: Data for the People. Wie wir die Macht über unsere Daten zurückerobern. Murmann Publishers, Hamburg, 2017, 352 Seiten, ausführliches Stichwortverzeichnis. Gebunden ISBN 978-3-86774-568-0, 26,99 €, eBook EAN 9783867745697, 18,99 Euro (Bild: Murmann Verlag)

Andreas Weigend hat zwar deutsche Wurzeln, lebt aber seit vielen Jahren im Ausland, vor allem in den USA, wo er heute als Dozent und Berater tätig ist. Von 2002 bis 2004 arbeitete er als Cheftechnologe bei Amazon. Im April erschien sein Buch zum Thema Datenrechte mit dem Titel „Data for the People“ in einer deutschen Ausgabe.

Daten sind die neue Gold, heißt es allenthalben. Auch der Datenspezialist und Autor Andreas Weigend unterstützt die Perspektive, Daten als neue Basisressource zu betrachten. Allerdings vergleicht er Daten lieber mit Öl – wie Öl müssten Daten gesammelt, bearbeitet und veredelt werden, um ihren Wert zu entfalten. Allerdings gibt es zur Basisressource des 20. Jahrhunderts einen gewichtigen Unterschied. Weigend: „Daten werden nicht verbraucht wie Öl oder Ackerflächen, wir erzeugen durch unsere Aktivitäten ständig wieder neue.“ Zudem werden durch intelligente Verknüpfung und Analyse von Datenmaterial wiederum neue Daten generiert, aus denen letztlich weitere Datenprodukte hergestellt werden.

Kosmopolit in Sachen Data Science: Andreas Weigend fordert in seinem Buch „Data for the People“ grundlegende Datenrechte für jedermann.
Kosmopolit in Sachen Data Science: Andreas Weigend fordert in seinem Buch „Data for the People“ grundlegende Datenrechte für jedermann. (Bild: Weigend)

In Weigends Buch geht es einerseits darum, dem Publikum – und gemeint ist damit eine breite Leserschaft, nicht nur der Datenanalysespezialist oder IT-Chef im Unternehmen – zu erklären, wie die Datenökonomie funktioniert und warum ihr Aufbau gerechtfertigt ist, auch wenn wir damit Teile unserer Privatsphäre aufgeben müssen. Nämlich deswegen, weil durch die Zusammenfassung heterogener und großer Datenmengen sowie deren Analyse beispielsweise mit neuronalen Netzen neue Dienste möglich werden, die jedem Einzelnen so viel nutzen, dass die Menschen das gegen die Privatsphäre aufwiegen und sich für die „kostenlosen“, in Wirklichkeit mit Daten bezahlten Services, entscheiden. Freilich, so Weigend im Gespräch, sei es für viele immer noch kaum vorstellbar, welche Erkenntnisse sogar schon ohne aktive Beteiligung der Anwender generiert werden könnten. „Man kann beispielsweise beim Auslesen eines Smart Meters an dem detaillierten Stromverbrauch erkennen, welche Geräte angeschlossen sind, weil jedes Gerät eine charakteristische Signatur hat“, erklärt Weigend.

Allgegenwärtige Sensoren, soziale Medien, wo sich jeder ganz freiwillig privatester Informationen entäußere, neue analytische Fähigkeiten und die noch immer steigende Rechenpower machten das Beharren auf überkommenen Formen der Privatsphäre nahezu unmöglich.

Sechs digitale Grundrechte

Damit die Menschen trotzdem nicht zum bloßen Spielball digitaler Großkonzerne wie Google oder Facebook werden, will Weigend sie mit digitalen Grundrechten ausstatten, die er sich eventuell sogar in der Verfassung vorstellen kann. „Wer weiß, vielleicht werden die Menschen in Zukunft in das Land auswandern, wo sie die aus ihrer Sicht besten digitalen Rechte bekommen“, meint er im Gespräch mit BigData-Insider. Welche Rechte fordert Weigend?

Es sind sechs, jedes wird in dem Buch ausführlich begründet und in seinen Gestaltungsmöglichkeiten und möglichen Auswirkungen skizziert. Sehr wichtig ist Weigend ein „Inspektionsrecht für Datenraffinerien“, dem er drei Unterkategorien zuordnet: Einblick in die Datenrendite, das Verhältnis des Nutzens für die Plattform zum Nutzen für die Anwender und die Effizienz des Privatsphärenschutzes, gemessen an den Ergebnissen von Datensicherheitsprüfungen, aber auch an Anwenderbewertungen. Das alles soll übergreifend auf Provider-neutralen Plattformen in Form von Dashboards dargestellt werden – eine Art Warentest für Provider also. Einblick in die Datenrendite bedeutet, dass Unternehmen offen legen müssen, welchen Gewinn sie aus den Daten ihrer Nutzer ziehen. Das Verhältnis von Nutzen und Schaden soll nach einer komplexen Formel berechnet und zu einer Zahl verdichtet werden. Weigend geht davon aus, dass Datensicherheitsbewertungen durch Anwender dazu beitragen werden, schwarze Schafe im Markt schnell unbeliebt zu machen.

Weiter will Weigend Anwendern folgende fünf Rechte geben: das Recht auf Datenzugang, das Recht auf Datenergänzung, das Recht auf Datenanonymisierung in individuellem Umfang, das Recht auf Datenmitnahme sowie das Recht, mit unterschiedlichen Einstellungen der für die Verarbeitung genutzten Algorithmen zu experimentieren.

Andere Sicht auf Daten, Unternehmen und den Staat

Nicht sonderlich bekannt ist das Recht auf Datenergänzung. Weigend geht davon aus, dass es weit wirksamer ist, Fehlinformationen über die eigene Person oder das eigene Unternehmen im Internet durch korrigierende Informationen zu ergänzen als zu versuchen, die Fehlinformation zu löschen oder dies von einer Datenraffinerie zu verlangen. „Daten vollständig zu löschen wird schwierig, schon allein wegen der Redundanzen, die Datenfirmen vorhalten müssen“, meint Weigend. Zumindest aber sei es teuer und schwierig für die Geschäftsmodelle der Datenraffinierien. Wie Einzelne es schaffen sollen, ständig über alles auf dem Laufenden zu bleiben, was über sie irgendwo im Web kolportiert wird und das dann auch noch eigenhändig zu ergänzen, erklärt Weigend leider nicht.

Hinsichtlich der Datenanonymisierung, die ja auch das neue europäische Datenschutzrecht vorsieht, fordert Weigend in seinem Buch eine flexiblere Handhabung: Es müsse den Nutzern eines Dienstes überlassen bleiben, ob sie lieber einen stark auf ihre Person zugeschnittenen, individualisierten Service auf Basis freigegebener persönlicher Daten beziehen oder weniger genaue Daten bereitstellen, dann aber auch nicht so gut bedient werden könnten. „Insgesamt sollen diese Rechte die Machtbalance wieder in Richtung Anwender verschieben“, sagt Weigend. „Wir wollen keine totalitären Systeme.“

Ansätze nur schwer auf Europa übertragbar

Was das Buch und seine Ansätze für Europa schwer anwendbar macht, ist die typisch US-amerikanische Sichtweise vom Verhältnis Bürger – Staat – Unternehmen. Die europäische Sicht betrachtet Bürger, Unternehmen und Staat jeweils als eigenständige Akteure. Der Staat, beziehungsweise die Parlamente, beschließen die Gesetze, wobei er dem Gemeinwohl verpflichtet ist und seine Bürger unter anderem gegen Übergriffe welcher Art auch immer schützen soll. Der Staat arbeitet in Gewaltenteilung und die Legislative ist letztlich durch die Bürger demokratisch legitimiert und wird durch die die Justiz kontrolliert. Das alles gilt für Unternehmen nicht im selben Umfang, sie tragen zwar ebenfalls Gemeinwohlpflichten, sind aber in erster Linie darauf orientiert, einen Gewinn zu erwirtschaften.

„In den USA vertrauen die Bürger Unternehmen mehr als dem Staat. Firmen wie Google und Facebook haben enorme Macht, der auch ernsthafte Verpflichtungen gegenüberstehen müssen. Studenten der Universität Berkeley meinten bei einer Befragung sogar, dass Google die USA überleben wird“, erklärt Weigend.

Zweifellos wäre Weigends Buch deshalb für europäische und deutsche Leser weit praxisrelevanter, wenn er sich darin auch mit den hier geltenden Gesetzen wie dem Presserecht oder der ab Mai 2018 geltenden Europäischen Datenschutz-Grundverordnung auseinandergesetzt hätte. So ist das Buch zwar eine anregende Lektüre, wegen der Ausrichtung am Wertsystem der USA lassen sich aber die Vorschläge wohl nur begrenzt auf den hiesigen Rechtsraum übertragen.

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