Interview mit Florian Buschbacher, Bitkom

„Big-Data-Prognosen dürfen nicht diskriminieren“

| Redakteur: Nico Litzel

Florian Buschbacher, Mitglied des Vorstands, Bitkom-Arbeitskreis Big Data & Advanced Analytics
Florian Buschbacher, Mitglied des Vorstands, Bitkom-Arbeitskreis Big Data & Advanced Analytics (Bild: Bitkom)

Wie sind deutsche Unternehmen bei Big Data aufgestellt? Welche Herausforderungen sind in den kommenden Jahren zu meistern? Welche Chancen bieten Datenanalysen? Darüber sprach BigData-Insider mit Florian Buschbacher, Mitglied des Vorstands, Bitkom-Arbeitskreis Big Data & Advanced Analytics.

BigData-Insider: Welche Big-Data-Trends erwartet der Bitkom in diesem Jahr?

Buschbacher: Ich möchte einen generellen Trend aus dem Silicon Valley hervorheben: Dort ging es 2014 im Bereich Big Data im Wesentlichen darum, Infrastrukturen aufzusetzen. 2015 befassten sich viele Unternehmen mit Implementierungen von Data Science – mit Advanced Analytics, Machine Learning, Text Mining aber auch mit der Entwicklung von Daten-Produkten oder dem Aufbau Daten-getriebener neuer Geschäftsmodelle.

Mittlerweile haben die meisten großen Unternehmen eigene Teams sowie eine erste Infrastruktur etabliert und arbeiten an der Validierung erster Use Cases, der Skalierung der Technik und der Einbeziehung von Cloud-Services. Im Jahre 2016 wird erwartet, dass viele Unternehmen es schaffen, nunmehr wirklichen Business Value mit Big Data zu erzielen. Deutschland weist in der Breite einen Rückstand gegenüber den USA von ein bis zwei Jahren auf. Wir dürfen also erwarten, dass wir in Deutschland etwa 2017 bis 2018 die Früchte aus dem Big-Data-Einsatz ernten können.

Wie sind deutsche Unternehmen Ihrer Einschätzung nach bei Big Data aufgestellt? Welche Herausforderungen müssen sie in den kommenden Jahren bewältigen?

Buschbacher: Bisher schöpfen nur wenige Unternehmen das volle Potenzial der Datenanalysen aus. Sie analysieren vor allem intern vorliegende Unternehmens- und Kundendaten, aber nur selten unter Einbeziehung externer Daten. Weniger als ein Drittel verfügt über eine Strategie zur Umsetzung konkreter Big Data-Maßnahmen, wie der von Bitkom Research und KPMG vorgelegte Report von 2015 „Mit Daten Werte Schaffen“ festgestellt hat.

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Kurzvita

Wesentliche Herausforderungen in Unternehmen sehe ich darin, den Schritt von Pilotprojekten zum Business Value zu schaffen und vor allem das Defizit an Experten für Big Data Analytics abzubauen. Deutsche Unternehmen müssen auch im Wettbewerb der Plattformen punkten.

Um die Herausforderungen zu bestehen, benötigen sie günstige Rahmenbedingungen. Drei möchte ich hervorheben. Erstens benötigen wir Rechtssicherheit und einheitliche Regeln auf europäischer Ebene. Die EU-Datenschutz-Grundverordnung ist zweifellos ein Fortschritt, sie bleibt jedoch hinter den Erfordernissen der Digitalisierung zurück.

Zweitens müssen wir mehr für die Transparenz und Verbraucherakzeptanz von Big Data tun. Das setzt voraus, die Vorbehalte und Ängste der Verbraucher ernst zu nehmen und ihnen ein Grundverständnis für die Technologien nahezubringen. Die Technologieanbieter sind aufgerufen, sich zu einer ethisch fundierten Herangehensweise zu bekennen, beispielsweise durch eine jährliche Information an Kunden, damit diese einsehen können, welche Daten in den Unternehmen vorliegen und wie ihre Daten für welchen Zweck genutzt werden. Und drittens benötigen wir bei Big-Data-Lösungen ein ethisch-moralisches Korrektiv. Wenn die Verknüpfung unterschiedlichster Datenquellen ethisch-moralisch bedenkliche Ergebnisse hervorbringen könnte, sollten Unternehmen ein Stopp-Schild aufstellen.

Wie gestaltet sich die Wettbewerbssituation Deutschlands in Europa im Zusammenhang mit der Digitalen Agenda der Bundesregierung? Machen wir uns durch spezifisch deutsche Regelungen, wie etwa die Störerhaftung, selbst das Leben schwer?

Buschbacher: Viele wichtige Themen aus der Digitalen Agenda werden energisch vorangetrieben: Die für den Breitbandausbau wichtigen 700-Mhz-Frequenzen wurden in Rekordtempo versteigert, das IT-Sicherheitsgesetz wurde auf den Weg gebracht und für die Entwicklung selbstfahrender Autos wird gerade eine Teststrecke auf der A9 vorbereitet. An einer Stelle jedoch klafft in der Digitalen Agenda eine besonders große Lücke: im Bildungsbereich. Gerade hier aber gibt es am meisten zu tun.

Und wir machen uns auch oft unnötig das Leben schwer. Das Beispiel Störerhaftung passt sehr gut. Dank ihr fristen öffentliche WLAN-Zugänge in Deutschland ein Nischendasein. Viele potenzielle Hotspot-Betreiber, zum Beispiel Café- oder Restaurant-Besitzer, werden abgeschreckt.

Wir müssen gesellschaftlich akzeptierte Standards zu Big Data entwickeln. Das beginnt beim Datenschutzrecht. Wir brauchen bei Fragen wie Personenbezug, Anonymisierung und Zweckbindung mehr Klarheit sowie positive Nutzungsregeln – also die gesetzliche Erfassung von Big Data nicht nur unter Schutzaspekten. Nutzungsregeln sollten die zentrale Bedeutung von Daten in einer Daten-getriebenen Wirtschaft widerspiegeln. Wenn wir innovative Geschäftsmodelle auf der Grundlage von Technologien wie Big Data, Cloud Computing oder Cognitive Computing umsetzen wollen, müssen wir für die Weiterentwicklung der EU-Datenschutz-Grundverordnung mobilisieren.

Ganz grundsätzlich: Wie lassen sich die mit Big Data verbundenen Chancen und Risiken austarieren?

Buschbacher: Erinnert sei an Anwendungen aus dem Gesundheitswesen, dem öffentlichen Sektor, an zunehmend autonome Fahrzeuge, Industrie 4.0, intelligente Stromnetze oder Verkehrssysteme der Zukunft, an intelligente Bildungsnetze, an den Kampf der Finanzdienstleister gegen Betrug und Geldwäsche. Big Data hat eine Katalysatorfunktion für neue Geschäftsmodelle. Klar ist: Die „Vermessung“ des Menschen darf nicht über das Ziel hinausschießen. Big-Data-Prognosen dürfen nicht die Chancengleichheit einschränken oder Menschen diskriminieren. Insgesamt sehe ich die Herausforderung darin, die Chancen zu ergreifen und gleichzeitig die Risiken einzudämmen. Ein wichtiger Aspekt um Risiken zu begegnen ist Transparenz – Analytische Transparenz.

Am 25. Februar richtet der Bitkom den Big Data Summit 2016 aus in Hanau. Das Motto lautet in diesem Jahr „Big Data als Business Enabler“. Welches Programm erwartet die Summit-Teilnehmer?

So beflügelt Big Data das Business

Bitkom Big Data Summit 2016

So beflügelt Big Data das Business

09.12.15 - Der Big Data Summit 2016, den der Branchenverband Bitkom am 25. Februar 2016 zum vierten Mal zusammen mit Partnern wie dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) und der Gesellschaft für Informatik ausrichtet, will Entscheidern in Unternehmen eine Plattform bieten, sich über die neusten Technologien und Trends rund um Big Data und die Digitalisierung der Industrie auszutauschen. lesen

Buschbacher: Der Big Data Summit adressiert vorrangig die Anwender. Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern im Programmbeirat haben wir aus den weit über 200 Vortragsangeboten diejenigen ausgewählt, die den Geschäftsnutzen von Big Data in den Fokus rücken und konkrete Anwendungen vorstellen. Wenn die Nutzer aus ihren praktischen Erfahrungen berichten miteinander diskutieren, sehen wir das als beste Unterstützung von Entscheidern aus Unternehmen, die sich noch in der Orientierungsphase befinden. Mit dieser Orientierung konnten wir auch das Bundeswirtschaftsministerium als Schirmherren des Kongresses gewinnen. Die Keynotes auf dem Kongress kommen aus der Automobilindustrie, die Big-Data-Technologien schon seit Jahren z.B. in Entwicklungsprozessen einsetzt.

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